11. Bauhaus-Farbfest 2008: Blau

Hommage an László Moholy-Nagy

Das blaue Fest 2008 widmete sich dem Bauhausmeister László Moholy-Nagy. Unter dem Titel „Kompositionen in Blau“ wurden Ideen und Konzepte des Bauhausmeisters reflektiert und gewürdigt. Geometrische und abstrakte Formen prägten Videoprojektionen, Kostüme, kinetische Installationen, Perfomances, Bühnen und Stände.

  • Installationen: "Blaue Exzentrik – Hommage á Lászlo Moholy-Nagy", "Sound-Garten" und andere Video- und Klanginszenierungen
     
  • Tanz- und Musikperformances: "Schaut-hin!", "record dances – work in progress" und ein "Instant-Konzert mit blauen Dingen" von Ingeborg Freytag und Dessauer(innen)
     
  • Musikalisches Programm: Buttshakers (Frankreich), EB Davis Trio (USA/Deutschland), Gaia-Percussion (Deutschland), Wolfram Huschke (Deutschland), Les Kokolani (Serbien/Deutschland), Soulbasta (Deutschland), Trickelz (Deutschland), Trio Bravo (Ukraine/Albanien/Polen), United Nubians (Ägypten/Deutschland), Westendgang (Deutschland)

Farbfest 2008 – Ein Rückblick von Walter Prigge:

blau, trotz regen: das publikum kommt!

denn auch die gewöhnlichen dessauerinnen wissen mittlerweile, dass sie hier nicht, wie beim leopoldfest, durch prollige animation betrogen werden (noch immer fehlt ja die richtige mistgabel, um diesen lächerlichen militäristischen mist aufzuspießen und wenden zu können – denn es gibt hier ja hier in dessau auch nichts wirklich historisches aus feudalismus, preußen oder gar ddr, das im möglicherweise sinnvollen reflexiven nachspielen von geschichtsereignissen wieder aufgeführt werden könnte; wenn man nicht an das ewige schlechte gewissen dessaus wegen der faschistischen verdrängung von junkers und bauhaus rühren will…). dass der stadtpark unbedingt eine rolle bei leopold spielen wollte, zeigt den auch hier grassierenden opportunismus – gegenüber dieser RTL-kultur, die sich als alltäglicher „volksgeschmack“ auch sonst, z.b. in den abitur-, firmen- und vereinsfeiern etc., reproduziert. Dagegen ist es wichtig, mit den bauhausfest eine andere linie der kultur zu behaupten, auch gegen den zunehmenden populismus der verwaltungspitze: denn dieses von der sonstigen verwaltung zu recht geförderte fest ist teil der alltäglichen auseinanderstzung um die kulturelle hegemonie in dieser stadt, zwischen dem leopold-proll und dem bildungsbürgerlichen kurt weil muß es seine experimentelle position behaupten.

dass das schifferfest letzte woche den termin und und damit dieses jahr auch das schöne wetter klaute, ist zwar roßlau zu gönnen – sollte jedoch nicht als weiteres zeichen der verstärkten verdörflichung dessaus gewertet werden: wenn man nicht will, das auch der letzte urbane rest die stadt in richtung leipzig verläßt und diese stadt endgültig der eindimensionalen kultur der autistischen einfamilienhausmilieus ausgeliefert wird. Kultur wird zwar den signifikanten abstieg dessau-roßlaus nicht verhindern, aber den jugendlichen, die dieses milieu verlassen wollen und/oder dessau verlassen müssen, eine aussicht auf eine andere kultur mitgeben.

im zweifel muß stärker mit dem traditionsmilieu bauhaus koaliert werden, ohne die position der aktualisierung aufzugeben (in der festwoche vor dem samstag wäre platz für die bedürfnisse dieses milieus, was auch auswärtige bauhausfans anlocken könnte). weiter so also, experimentieren! Denn das experimentelle selbst verweist auf diese andere kultur, die auch eine des vergnügens sein muß. die stiftung realisiert darin einen bildungsauftrag gegenüber dieser stadt und region.

das vergnügen besteht u.a. darin, sich selbst aufzuführen, der umzug transformiert das (theater)publikum zum akteur einer 3-d-aufführung im stadtraum. Eine deftige marchingband, wie sonst jedes jahr live und selbst 3-d, passt dazu wohl besser als die diesjährigen elektronischen klänge, die hier im umzug wie auch draußen am bauhaus etwas esoterisch sphärenhaftes hatten und die zuhörer wieder als versponnenes publikum aus der aktiven selbstaufführung entrückten (dabei war doch moholy angekündigt, nicht itten…). ebenso die dreidimensionalität der inszenierten brücke letztes jahr, die die durchwandernde masse beiläufig taktil in den aufführungsraum eher hineinzog als die diesjährige schöne, aber eben flächenhafte und daher raumlos distanzierende vorführung an der brücke, die nur kontemplativ wie traditionelle kunst- oder filmleinwand wahrzunehmen war (wozu allerdings die zeit fehlte). Erst eine gelungene performative „räumliche“ umwandlung der masse macht aus der nächtlichen wanderung im stadtraum auch eine inhaltliche kulturelle demonstration – eben für jene andere urbanität. Die anderen stationen auf dem weg zum bauhaus müßten eingehender einzeln betrachtet werden, um ihre rolle einzuschätzen… die schwarze blondie in der kaufhalle machte aber ausnehmend gute=großstädtische laune und sogar die jodelei vom balkan in der mensa verführte viele, sich zum konzert in die aula zu setzen…

trotz regen – auch die aufführung des bauhausgebäude selbst mit farbe, licht und projektion war wieder gelungen (hervorragend gegen blauweißkalt: die roten schaufenster des treppenhauses). Diese aufführung gelingt also jedes jahr wieder: es ist der auf eine nacht konzentrierte schmutz von etwa 5.000 dessauerinnen zusätzlich zu den etwa 50.000 touristen, den das haus jährlich aushalten muß und wird. Geraucht wurde wohl nicht – aber vielleicht sollte bei weiter steigenden besucherzahlen doch etwas mehr linoleum verlegt werden?