24 Stunden John Cage – Bauhaus-Happening zum 100. Geburtstag 2012

Am 30. November und 1. Dezember 2012 stand das Bauhausgebäude in Dessau für 24 Stunden ganz im Zeichen John Cages Denken. Künstlerische Ansätze des Ausnahmekünstlers wurden dabei bereits in Aufbau und Struktur der Veranstaltung abgebildet: Das Bauhaus-Happening bot so die Gelegenheit, Cages ästhetische Prinzipien, Bezüge zum Bauhaus und heutige künstlerische Praxis in einem zu erleben.

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Zentrales Thema des Künstlers Cage war die Zeit: Die „Zeitklammern“ (time brackets) in seinen späten Kompositionen, den number pieces, stehen für klar abgegrenzte Zeiträume, in denen dem Zufall Raum gegeben werden soll. In diesem Sinne setzte das Bauhaus-Happening eine 24-stündige „Zeitklammer“, die sich am Freitag öffnete und am Samstag wieder schloss. Leben und Werk des Künstlers wurden an beiden Abenden zwischen Gesetz und Zufall, Kunst und Alltag, Wissen und Erfahrung erlebbar. Performances, alltagsbezogene Tätigkeiten, Lesungen, Vorträge, Filme, Installationen, Konzerte u.v.m. standen innerhalb der Zeitklammer gleichbedeutend nebeneinander. Die einzelnen Aktionen und Aktivitäten – die „Stunden-Spiele“ – begannen zur vollen Stunde, konnten spontan unterbrochen, mit einer anderen Aktion verlängert oder verbunden werden oder wurden vor dem Ablauf einer Stunde planmäßig beendet. Dadurch kam es zu bestimmten Zeitpunkten sowohl zu Verdichtungen des Programmes als auch zu Improvisationen, Unbestimmtheit, Zufallsbegegnungen, (scheinbarer) Stille und Stillstand.

Wer nicht die gesamten 24 Stunden teilnehmen mochte oder konnte, hatte die Möglichkeit, sich für einen oder mehrere der vier thematischen Einstiege zu entscheiden. Nach dem Eröffnungsvortrag durch den Komponisten, Musikwissenschaftler und Theologen Dieter Schnebel näherte sich der Freitagabend dem Künstler aus Sicht der Performance Art mit spielerischen Aktionen. Zwischen Nacht und Vormittag des nächsten Tages standen die von Cage sehr geschätzten Alltagshandlungen im Fokus. Ab Mittag gaben szenische Lesung, Filmvorführungen, Vorträge und Diskussionen Einblicke in Leben und Werk des Künstlers. Nach Ablauf der 24 Stunden ging es in einem „Cage-Walk“ gemeinsam zum Anhaltischen Theater Dessau, wo das Raumkonzert „staging cage – schönberg – glass“ Werke von Cage, Schönberg und Glass auf die Bühne brachte. In einem Gesamtwerk trafen hier Musiker, Sänger und Tänzer in einem „licht-inszenierten“ Raumkonzert aufeinander.

Teil des Happenings war auch ein Schlafsaal im Werkstattflügel des Bauhausgebäudes. Hier konnte in mitgebrachten Schlafsäcken im Bauhausgebäude übernachtet werden – ein noch nie dagewesenes Experiment.

Auf die Ideen des Bauhauses traf Cage während seiner Europareise Anfang der 1930er Jahre, von der er die Bauhaus-Zeitschrift nach Amerika mitbrachte. Die Begegnung mit dem Bauhaus setzte sich am amerikanischen Black Mountain College fort, wo europäische Moderne im Exil, experimenteller Geist und die junge amerikanische Avantgarde zusammentrafen. Hier waren viele prominente Bauhäusler anzutreffen: Der Bauhaus-Meister Josef Albers gehörte 1933-1949 zur künstlerischen Leitung des Colleges; Walter Gropius, Bauhausgründer und -direktor (1919-1928) war Gastredner; Xanti Schawinsky, Bauhaus-Schüler und Protagonist der Bauhaus-Bühnenwerkstatt, leitete von 1936 bis 1938 die Bühnenklassen; Stefan Wolpe, Bauhaus-Schüler, war von 1952 bis 1956 Music Director am College und maßgeblich an der New York School um Morton Feldmann, David Tudor und John Cage beteiligt. Darüber hinaus arbeitete Cage mit dem Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy zusammen, der ihn 1941 als Lehrer für experimentelle Musik an die Chicago School of Design holte. Und nicht zuletzt war John Cage Meisterschüler des Komponisten Arnold Schönberg, der dem Bauhaus sehr nahe gestanden und sich im Bauhaus-Freundeskreis engagiert hatte.

Die Verbindungen zwischen John Cage und dem Bauhaus sind in einigen ihrer künstlerischen Positionen deutlich sichtbar. Kunst und Alltag stellten sie nicht länger diametral gegenüber. Aber auch an das 1952 von Cage am Black Mountain College mitinitiierte „Theater Piece #1“ ist zu denken, das als erstes Happening der Kunstgeschichte gilt, in den historischen Bauhausfesten und im Dada aber seine Frühformen hat.

Die Veranstaltung wurde unterstützt von Lotto-Toto Sachsen-Anhalt.