Fifty ways to change a city

Ein Resümee über zwei Wochen Sommerwerkstatt in Dessau

Mit Anne-Laure Mellier (raumlabor), Markus Blösl (peanutz architekten), Steffen Schuhmann (anschlaege.de), Tore Dobberstein (complizen Planungsbüro), Ursula Achternkamp (Amt 8 Herr Mayer), Brigitte Hartwig (Hochschule Anhalt) und Elisabeth Kremer (Stiftung Bauhaus Dessau). Moderation Tina Veihelmann.

Zwei Wochen Sommerwerkstatt in Dessau… Warum macht Ihr Workshops mit Jugendlichen, wenn es darum geht, Nutzungen für Stadträume zu finden?

Steffen Schuhmann: Jugendliche fallen aus den üblichen Beteiligungsverfahren heraus. Jugend ist eine sehr kurze und unstete Phase. Die Bedürfnisse und Ansprüche von Jugendlichen ändern sich so schnell, dass ein Planungsprozess länger dauert als ein Jugendlicher jugendlich ist. Deshalb sind die aktuellen Bedürfnisse von Jugendlichen fast nie in Planungen enthalten. Das Konzept von Downtowncamping war deshalb, dass Jugendliche Orte finden, die ihnen etwas bedeuten und Forderungen zu ihrer Umgestaltung benennen. Jugendliche sind gut darin, Forderungen zu stellen. Sie haben überhaupt kein Problem damit, Sachen zu fordern, die allen erst mal unrealistisch, wahnsinnig oder vermessen vorkommen – auf den zweiten Blick aber vielleicht einfach das sind, was wirklich fehlt. Der Realismus und der Blick auf das Machbare stehen ihnen noch nicht im Weg.

Elisabeth Kremer: Beim Downtowncamping 2009 wurden die Ideen für die Sommerwerkstatt 2010 gesammelt. In der Sommerwerkstatt haben dann die Jugendlichen ihre Ideen direkt umsetzen und im Stadtraum bauen können. Wesentlich war, dass man diese neuen Räume sehen und ausprobieren kann. Beteiligung an der Stadtplanung funktionierte dabei nicht nach den üblichen kommunikativen Verfahren, sondern über Selbermachen und über die Produktion von Räumen und Bildern. Wegen des experimentellen Zugangs wurde das Projekt auch vom Bund und der BBSR als Modellvorhaben ausgewählt und gefördert. 

Tore Dobberstein: Wir gehen nicht davon aus, bestimmte Ideen erst anregen zu müssen. Als wir zum Beispiel mit sportification anfingen, haben wir eine Idee aufgegriffen, die in der Luft lag, ohne dass wir etwas dazu getan hätten – nämlich brach gefallene Räume für neue Sportarten zu nutzen. Wir verstehen uns als Forscher und Dienstleister, die Wissen und Erfahrung anbieten, um etwas möglich zu machen.

Anne-Laure Mellier: Jugendliche suchen noch etwas in der Gesellschaft – im Gegensatz zu Älteren, die oft meinen, schon zu wissen, wie alles zu sein hat. Deswegen sind sie natürlich ein riesiges Reservoir für Ideen. Aber es kann nicht darum gehen, als Planerin oder Architektin die Ideen von Jugendlichen abzuschöpfen, um für sie zu planen. Es muss darum gehen, eine Dynamik zu erzeugen und zusammen zu arbeiten.

Welche Räume sind für Jugendliche interessant?

Brigitte Hartwig: Jeder Raum, der selbst gestaltet werden kann, der noch nicht "fertig" ist oder der überhaupt erst erobert oder geräumt werden mus

Markus Blösl: Grundsätzlich sind alle Räume interessant, die sich Jugendliche selbst aneignen können und wollen. Am besten sind Räume, die für Erwachsene nicht zugänglich sind. Vielleicht auch "versteckte" oder "verbotene" Räume.

Wie erreicht man Jugendliche? 

Brigitte Hartwig: Ein guter Ausgangspunkt, um Jugendliche nachhaltig zu binden und sie für gesellschaftliche Prozesse zu sensibilisieren ist, ihnen Räume zu überlassen, die sie selbst gestalten können. Wer einen Raum überantwortet bekommt, setzt sich automatisch mit seiner Umgebung auseinander. Das kann Ausgangspunkt für gestalterische Interventionen sein, angefangen in der direkten Nachbarschaft. Schon indem man zum Beispiel eine Bank vor die Tür stellt. Man hat im Kleinen etwas ausprobiert, merkt, dass man Teil der Stadt ist und vielleicht auch andere Orte mitgestalten kann, wenn man sich einmischt und Veränderungen einfordert.

Markus Blösl: Indem sie Ideen entwickeln und direkt im Maßstab 1:1 umsetzen. Das bringt Spaß und macht alle glücklich. Bei „Linie 2“ skizzierten wir morgens die Ideen und trieben sie dann soweit voran, dass gebaut werden konnte. So bauten wir jeden Tag eine neue „Haltestelle“ und probierten die Objekte am Abend aus. Zum Beispiel eine Sommerdusche, mit der man sich beim Warten erfrischen kann. 

Ursula Achternkamp: Indem sie im offenen Experiment Überraschungen erleben, neue Erfahrungen machen, buchstäblich ihren Horizont erweitern. Als wir während der Sommerwerkstatt auf die Idee kamen, dem „Tanko“ das Dach abzunehmen, war das ein unglaublicher Moment. Die Mädchen waren völlig geflasht von der Erfahrung, selbst mit den Händen zu bauen. „Jetzt kann ich ‚männliche’ Werke machen“, sagte eine. Das brachte es gut auf den Punkt. 

Steffen Schuhmann: Wir bringen unsere Erfahrungen aus unseren Projekten auf etwa vier Formeln. Die Erste: Wir sensibilisieren für den Ort, an dem wir uns bewegen. Wir fragen: Was ist um uns herum? Akzeptieren wir das? Wollen wir das akzeptieren? Die Zweite: Wir bauen Hemmungen ab. Wir tun Dinge, die wir uns sonst nie trauen würden, und begehen gemeinsam bewusste Regelverletzungen. Wir besuchen zum Beispiel gemeinsam eine Disko mit angemalten Bärten. Beim Downtowncamping haben wir uns in einem Sparkassenvorraum unter den Videokameras mit Styroporsäcken verdroschen. Wenn man so etwas zusammen gemacht hat, bewegt man sich auf einem neuen Level. Die Dritte: Wir bringen die Jugendlichen in Schwierigkeiten. Wir provozieren Situationen, die sie überfordern, sodass sie über sich hinaus wachsen müssen. Die Vierte: Wir legen die Verantwortung für ihre Projekte in ihre Hände. 

Anne-Laure Mellier: Wichtig ist, Ziele nicht zu genau festzulegen. Eine Richtung geben, aber genug Platz für Unerwartetes lassen. Das war eine wichtige Erfahrung aus „Wohnen reloaded“. Wir hatten es mit einer international sehr heterogenen Gruppe zu tun, aus der Ideen kamen, mit denen wir nie gerechnet hätten. Man muss sich davon losmachen, zu viel Kontrolle ausüben zu wollen. Es geht darum, eine Dynamik zu erzeugen und diese ständig mit Sauerstoff zu versorgen.

Steffen Schuhmann: Euer Ansatz, das Tagewerk jeden Abend abzureißen, um am folgenden Tag neu anzufangen, war extrem dynamisch. Wir hatten bei „Atlantis now“ Schwierigkeiten in Sachen Dynamik. Unsere Gruppe war leistungsorientiert, auf Spracherwerb bezogen, mit dem Ort und der Situation in schrumpfenden Städten nicht vertraut. Es war schwer, Hemmungen abzubauen. Ein wenig lösten sie sich, als wir bei der „Flying English School“ ausschwärmten, um überall englische Beschriftungen anzubringen. Ins Einkaufszentrum zu gehen und sich vom Sicherheitsdienst rausschmeißen zu lassen, das machte Spaß.

Markus Blösl: Wir waren sehr überrascht, wie vernünftig unsere Teilnehmer waren. Als wir die erste Haltestelle bauen wollten, waren die ersten Fragen nicht: Was bauen wir? Wo bauen wir? Sondern: Darf man das überhaupt? Oder: Hält das? Wer übernimmt die Verantwortung dafür, wenn das Ding hier umkippt? 

Tore Dobberstein: Für uns war es eine Ausnahme, mit Teilnehmern zu arbeiten, die nicht von selbst kommen und etwas wollen. Mitmacher mit einem pädagogischen Mehrpunkteprogramm zu bearbeiten – um Hemmungen abbauen etc. – liegt uns eigentlich fern. Wir sind gewöhnt, dass wir ein Angebot machen und dann z.B. die Leute mit ihren BMX-Rädern kommen und ihre Vorstellungen äußern. Und wir nehmen auch die verrückten Vorschläge bierernst.

Steffen Schuhmann: "Die für sich selbst etwas wollen" – das ist ein gutes Stichwort. Das Problem war, dass es keine verschworene Gruppe gab, die ihre Stadt in Besitz genommen hätte, um sie für sich selbst zu verändern. Das ist das Problem eines international angelegten Projekts, wenn zu wenige Teilnehmer den Ort als ihren eigenen begreifen. In unserem Workshop war das so. Dem überwiegenden Teil der Teilnehmer konnten wir nur sagen: Leute, zeigt mal, was ihr in dieser Stadt, die ihr zum ersten Mal seht und in einer Woche wieder hinter euch lasst, ändern wollt. Was sie in dieser Zeit machen, hat keine Konsequenz für ihre direkten Lebensumstände. 

Elisabeth Kremer: Aber darum ging es auch gar nicht. Ein wichtiger Aspekt des Konzepts, das Projekt international anzulegen war ja, den fremden Blick auf die eigene Stadt einzufangen.

Ursula Achternkamp: … und auch einen fremden Blick mit zu nehmen, wenn man wieder nach Hause fährt. Die Veranstaltung sollte ja nicht nur den Dessauern den Horizont erweitern. Mit dem Zusammentreffen verschiedener Erfahrungen guckt jeder auf sich, seine Stadt mit ihren Bewohnern und Besuchern wieder neu. Die Mädchen in unserem Team haben sich viel über Bedeutungen von Wörtern ausgetauscht, und das Behelfsenglisch war eine Behelfskrücke. Sie haben sich die Bauhandschuhe voll geschrieben und ihre T-Shirts bekrickelt – z.B. „don’t worry be stupid“ fand ich da echt weise. So wie mit der Nutzung der Sprache und der Bereitschaft, sich auf das Andere einzulassen, verhält es sich auch mit dem Stadtraum, den man anders zu lesen lernt, und mit dessen Vokabular man jonglieren kann.

Anne-Laure Mellier: Schwierig wird es, wenn im internationalen Workshop die Geschäftssprache Englisch oder Französisch ist, und du willst mit Nachbarn kommunizieren. Bei uns wurde deshalb sehr viel deutsch gesprochen. Trotzdem finde ich gut, wenn das Spektrum, aus dem der Input kommt, weit ist. Das betrifft aber nicht nur die Nationalität, sondern auch Alter, Geschlecht und soziale Herkunft. 

Wie kamen Interaktionen mit Passanten oder Nachbarn zustande? Mit welchen Methoden habt ihr gute Erfahrungen gemacht?

Brigitte Hartwig: Am besten funktioniert das, wenn die Räume, die man bespielt, mitten in der Innenstadt liegen. Bei unserem Workshop wurde der Platz vor dem Laden zur Open-Air-Werkstatt. Er lud ein, vorbei zu kommen, zu staunen und Fragen zu stellen. 

Anne-Laure Mellier: In kleinen Städten wie Dessau muss man berücksichtigen, dass die Bewohner nicht so routiniert darin sind, auf Ungewohntes zu reagieren. Wir kündigten deshalb den Nachbarn unser Kommen per Nachricht im Briefkasten an. Ein Erfolg war auch der „Fünf-Uhr-Tee“: Täglich um fünf Uhr unterbrachen wir unsere Arbeit, und jeder, der kommen und besichtigen wollte, was wir gebaut hatten, konnte das tun. Wir verstanden uns ja nicht nur als „Lehrer“, die zeigen, was man aus einem Raum machen kann. Wir wollten auch wissen, wie unsere Nachbarn mit den Räumen umgehen.

Markus Blösl: Wir hatten jede Menge Interaktionen. Zum Beispiel , wenn unsere Bauwerke den Passanten ihren täglichen Weg versperrten. Es gab starke Reaktionen – Schimpfen, Fluchen, Krückenschwingen, heftige Beschwerden. Was wir bauten, sei nicht schön, hieß es da. An einer Haltestelle hatten wir eine Bühne gezimmert, für die sich Kinder interessierten – und ihre Eltern zogen sie weiter. Aber es gab auch Neugier und interessierte Fragen. Oft hatten wir gar keine Zeit, auf die Fragen und Einwände zu reagieren. Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn wir diesem Austausch auch einen festen Raum gegeben hätten. Wie den Fünf Uhr Tee.

Change Your City war die Forderung der Sommerwerkstatt. Jugendliche entwerfen und bauen mögliche Zukunftsräume in Dessau. Was für Räume waren das?

 

Tore Dobberstein: Das Ufer der Mulde. Die Mulde ist in Dessau nur begrenzt zugänglich. Damit werden riesige Bereiche rund um den Fluss zu Zukunftsräumen. Einen Platz an der Mulde hatten die Jugendlichen schon beim Downtowncamping als Ort für ihre AmazonasBar deklariert. Einen Ort zu finden, an dem das offiziell möglich war, war für uns eine der schwierigsten Aufgaben. Wenn der Raum an der Mulde in Dessau weiterhin ein abgesperrtes Gebiet bleibt, ist das eine Katastrophe für die Stadt und ihre Bewohner.

Brigitte Hartwig: Ein leer stehendes Uhren- und Schmuckgeschäft mitten in der Stadt, der den Jugendlichen überlassen wird, um Objekte herzustellen, auszustellen und zu verkaufen. Der Platz vor dem Laden wurde während Woche zur Open-Air-Werkstatt und lud ein, vorbei zu kommen, zu staunen und Fragen zu stellen.

Elisabeth Kremer: Der Marktplatz vor dem Rathaus wurde mit den Performances von  anschlaege.de wieder zu einem politischen Ort. „Linie 2“ sensibilisierte für das Thema Mobilität als wichtige urbane Qualität für Jugendliche.

Ursula Achternkamp: Mit dem Tanko zeigten wir das Potential, dass Orte, Räume und Objekte zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gedeutet können. Als Plattform diente ein Parkplatz – ein Ort, der wegen seiner gestalterischen Lieblosigkeit sehr eindimensional – aber auch offen genug ist, sich dort einzuschreiben. Er erzeugt kaum Druck, sich zu legitimieren, warum man sich dort aufhält. Ein Wohnwagen auf einem Parkplatz ist zunächst nichts Ungewöhnliches. 

Was sind die langfristigen Effekte temporärer Projekte?

Elisabeth Kremer: Zum einen gibt es den Bildungseffekt. In der Sommerwerkstatt konnten Erfahrungen gesammelt werden, wie eine Stadt verändert werden kann. Zum anderen wurde etwas angestoßen, das möglicherweise verstetigt wird. Eine dauerhafte AmazonasBar zum Beispiel wäre wunderbar – scheiterte jedoch an den Auflagen einiger städtischer Ämter. Der „Tanko“ wird bereits jetzt als mobiler multifunktionaler Raum weitergenutzt, diente bei einem Schulfest als Flohmarktverkaufsstand und als Performance-Raum, eine Künstlerinnengruppe will ihn als Theaterraum bespielen. Ich kann mir gut vorstellen, in einer Phase zwei des Projekts für den „Tanko“ eine dauerhafte Trägerschaft zu finden. Auch im „Baubüro“ geht es weiter. Eine Studentengruppe entwickelt mit Brigitte Hartwig ein Konzept für einen Werkstatt- und Ausstellungsraum. Der Kern des Ansatzes aber liegt darin, dass er handlungsorientiert ist: Mit temporären Räumen und Installationen werden Bilder erzeugt, die zeigen, was möglich ist. Wünschenswert wäre es, diese Bilder in einen tatsächlichen Planungsprozess übersetzen zu können. 

Markus Bösl: Bei der Sommerwerkstatt war in meinen Augen der Erfahrungsaspekt der wichtigere.

Tore Dobberstein: Aus unserer Sicht gibt es keinen Widerspruch zwischen temporärer und richtiger, bleibender Architektur. Und auch keine Notwendigkeit, sich zwischen einem Bildungsauftrag und dem Auftrag des Planers oder Architekten zu entscheiden. Warum sollten den Bildungsauftrag Pädagogen für sich allein beanspruchen? Umgekehrt wird aus unserer Sicht auch kein Schuh draus, denn Architektur bildet, Kunst ebenso. Als Architekten haben wir eine Mitverantwortung, diese Bildungspotentiale zu erschließen.

Steffen Schuhmann: Wir verstehen städtischen Raum als kommunikativen Raum, in dem sich Behauptungen manifestieren. Diesen Raum kann man sich aneignen. In temporären Projekten sehen wir keine Testballons für Stadtplanung – nach dem Motto, das Richtige machen dann die Planer, die Erwachsenen. Wir verstehen sie als Ermächtigung. Temporäre Projekte sind gut, um einen Prozess anzustoßen, in dem Jugendliche selbst die Verantwortung übernehmen. Ich habe temporäre Projekte ziemlich satt, die keine Folgen haben.

Tore Dobberstein: Man kann nicht alle Räume erhalten, die man temporär bespielt. Wir zeigen Dinge, die möglich wären. Zum Beispiel eine BMX-Bahn im Bahnhof Halle-Neustadt – auch wenn der Bahnhof dann doch verschwindet. In Antwerpen haben wir in einem Häuserblock, der auf jeden Fall abgerissen werden sollte, einen Indoor-Fußballplatz gebaut. Wie die Jugendlichen aus der Nachbarschaft dort Bälle gegen die Wände und aus den Fenstern schossen, das hatte etwas Befreiendes, fast würde ich sagen, etwas Therapeutisches. Die Möglichkeiten zu nutzen, die ein Ort augenblicklich bietet, kann spannender sein, als ihn für die Dauer zu erhalten. In einem Abrissgebäude Fußball zu spielen, setzt Energie frei. Jahrelang vergeblich für die Rettung eines Hauses zu kämpfen, kann dagegen unheimlich frustrierend sein. 

Steffen Schuhmann: Das sehe ich anders. In unserem Workshop wollten die Jugendlichen sehr genau wissen: Was folgt aus dem, was wir hier machen? Darauf keine Antwort zu bekommen, fanden sie frustrierend und unseriös. Temporäre Projekte stehen im Verdacht, nicht ernst genommen zu werden. Auch die, die daran teilnehmen, haben diesen Verdacht. Man muss der Verantwortung nachkommen, den Input der Jugendlichen nicht in den Wind zu schießen, indem man eine Struktur schafft, mit der sie weiterarbeiten können. Wie zum Beispiel beim fforsthaus in Frankfurt/Oder, wo wir das Projekt anstießen und so lange begleiteten, bis die Studenten genügend Erfahrungen gesammelt hatten, um es selbst weiterführen zu können. Mit dieser Methode könnte man durchaus auch in Dessau arbeiten. 

Zum Beispiel?

Steffen Schuhmann: Zum Beispiel mit der AmazonasBar. Die AmazonasBar als Prototyp – das wird keine Folgen haben. Aber man kann mit Jugendlichen in einer Woche eine Bar bauen und mit ihnen parallel einen Verein gründen, der sich für eine dauerhafte AmazonasBar einsetzt. Das wird natürlich nicht einfach durchgehen, das Ordnungsamt wird ganz sicher nicht auf Nachfrage ohne Zögern grünes Licht geben. Man müsste die Auseinandersetzung mit den Behörden unterstützen bis die Jugendlichen selbst gelernt haben, sie zu führen.

Tore Dobberstein: Es geht darum, zu zeigen, dass es eine Bar geben kann. Eine Raumaneignung, eine Party, eine Bar. Das sind universelle Dinge. Man macht sie, damit sie wieder entstehen. 

Was würdet Ihr bei einem nächsten „Jugend baut Zukunft“ anders machen?

Anne-Laure Mellier: Ich hätte gern im Vorfeld mehr Gelegenheit, die anderen Workshopleiter kennen zu lernen, um ein Gefühl fürs Ganze zu bekommen. Ich hätte gern früher ein Gefühl dafür gehabt, mit wem ich zusammenarbeite.

Markus Blösl: Mehr Möglichkeiten zum Austausch wären gut. Ein kollektiver Ort, an dem man sich aufhält, vielleicht auch übernachtet. 

Ursula Achternkamp: … oder sich gemeinsam ums Essen kümmert…

Brigitte Hartwig: Es müsste einen zentralen Ort geben, an dem abwechselnd gemeinsam gekocht wird. Ich halte Kochen mit echten Lebensmitteln für eine vom Aussterben bedrohte Kulturtechnik, die gerade Jugendlichen vorgelebt werden muss. Im Rahmen von gemeinsamen Essensritualen unterhält man sich, tauscht sich aus. Die Küche als Nukleus der Kommunikation.