Architektur und Stadt in der Finanzkrise

Die Immobilien- und Finanzkrise konfrontiert raumgestaltende Disziplinen wie Architektur und Städtebau mit den Folgen der engen Verflechtung von Baugeschehen und Finanzmärkten. In den 1990er Jahren ließen sich auch diese Raumdisziplinen vom Siegeszug des Neoliberalismus dazu verleiten, ihre Verantwortung für eine nachhaltige Raumentwicklung hinter das kurzfristige Renditeinteresse privater Finanzinvestoren zu stellen. Noch zur Jahrhundertwende hatte der internationale URBAN 21-Bericht im Mainstream beider Disziplinen gefordert, kommunale Leistungen zu privatisieren, globales Finanzkapital offensiv zu attrahieren und sich vornehmlich am globalen Standortwettbewerb zu orientieren. Was wird sich verändern?

Die Erschütterungen des Finanzkapitals haben langfristige Verwerfungen in den sozialökonomischen Verhältnissen, den Raummustern von Regionen und den Nutzungsstrukturen von Städten zur Folge. Nach der Krise des Hypothekenmarktes in den USA kündigen leer stehende Häuser den Verfall ganzer Straßenzüge oder Stadtquartiere an. In vielen Städten haben sich spontan Zeltplätze etabliert, auf die sich die bisherigen Besitzer von Wohneigentum nach Räumungsklagen flüchten: Sie sind nicht mehr in der Lage, die Hypotheken zurückzuzahlen, die den Wert ihrer Immobilien übersteigen. Wird die Lebensform Suburbia in Frage gestellt?

Aus der Finanzmarktkrise resultieren auch tiefgreifende Veränderungen in der architektonischen Arbeit selbst und ihren urbanistischen Handlungsfeldern. Auf die eingebrochene Nachfrage reagieren Architekturbüros weltweit mit Stellenabbau oder der Schließung von Niederlassungen. Prestigeträchtige Bauvorhaben in zuvor noch boomenden Städten wie Dubai oder Las Vegas werden aufgegeben oder zusammengestrichen. Im Platzen der Immobilienblase erfährt die Bauwirtschaft drastische personelle und finanzielle Einschnitte, geografische Verlagerungen kommen hinzu: Tragen Architekten und Stadtplaner Mitverantwortung für den in zahlreichen Weltregionen vor der Krise künstlich angefachten Bauboom?

Form Follows Finance: Wie beeinflussen Finanzmarktinstrumente die Ausrichtung von Architektur und Stadtentwicklung? Wie schlägt sich die weltweite Finanzmarktkrise auf urbane Siedlungs- und Infrastrukturen nieder? Welches sind die langfristigen Auswirkungen auf die Zukunft von Architektur und Städtebau?

„Kein Geld – kein Projekt“, so einfach lassen sich die Folgen der Finanzkrise auf Architektur und Bauwirtschaft charakterisieren. „Die enge Verknüpfung zwischen Architekturproduktion und Finanzmarkt ist nicht neu, sondern von der Sache her grundlegend und somit eigentlich eine Banalität“, sagt Philipp Oswalt, Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. „Gleichwohl wird sie im Architektur- und Städtebaudiskurs selten betrachtet.“ Genau dies sei der Grund für die Stiftung Bauhaus Dessau gewesen, die Konferenz am 13. und 14. November 2009 zu veranstalten, die sich angesichts der weltweiten Krise mit deren Auswirkungen auf das Bauen beschäftigt.

  • Referenten:

MANUEL AALBERS ist Stadtplaner und Soziologe und beschäftigt sich am Institute for Metropolitan and International Development Studies der Universität Amsterdam mit der Verflechtung von Finanzmärkten und Stadtentwicklung. Von Januar 2007 bis August 2009 analysierte er an der Columbia University und der City University New York den Ausbruch und die weltweiten Auswirkungen der Hypothekenmarktkrise in den Vereinigten Staaten.

ANNE HAILA ist Professorin für Stadtforschung am Institut für Gesellschaftspolitik der Universität von Helsinki. Schwerpunkte ihrer Forschung liegen in den politischen, städtebaulichen und sozialökonomischen Dimensionen von Immobilienmärkten und Eigentumsverhältnissen in europäischen und asiatischen Städten.

BENJAMIN HENNIG ist Mitarbeiter am internationalen Forschungsprojekt „Worldmapper“ und Wissenschaftler am Institut für Geografie der Universität von Sheffield. Im Rahmen von „Worldmapper“ hat er anamorphotische Karten erstellt, die geografische, soziodemografische und wirtschaftliche Daten miteinander koppeln. SPIEGEL ONLINE bezeichnete Benjamin Hennig als „Kartografie-Revoluzzer“. Für die Konferenz im Bauhaus Dessau hat Hennig Daten zu den internationalen Finanzmärkten visuell aufbereitet.

BERND KOCHENDÖRFER ist Professor für Bauwirtschaft und Baubetrieb an der Technischen Universität Berlin. Daneben ist er als Gutachter und Berater für Projektmanagement und Controlling im Bauwesen tätig. Er beschäftigt sich insbesondere mit der privatwirtschaftlichen Übernahme von Bau- und Betreiberaufgaben der öffentlichen Hand.

UTE LEHRER ist Professorin an der Faculty of Environmental Studies der York University Toronto. Sie beschäftigt sich mit dem Einfluss der Globalisierung auf Stadtplanung und urbane Strukturen und arbeitete zwischen 2005 und 2008 an einem Forschungsprojekt zum Verhältnis zwischen öffentlichem Raum und privaten Interessen im Stadtraum Toronto.

PHILIPP OSWALT ist Architekt, Publizist und seit März 2009 Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. 2002 bis 2008 arbeitete er an dem weltweiten Projekt „shrinking cities“, das sich mit der Zukunft schrumpfender Städte und dem Ende des Wachstumsparadigmas befasst.

STEFAN WEBER ist als Vorstandsvorsitzender der Sächsischen Aufbaubank ein ausgewiesener Kenner des Geschehens an den Finanzmärkten und mit seiner Institution direkt mit der Fördermittelvergabe für Wohnungs- und Städtebauvorhaben befasst.

THOMAS WELTER ist Referent für Wirtschaft und Gesellschaft an der Bundesarchitektenkammer Berlin. Er hat sich ausgiebig mit den Zusammenhängen zwischen Konjunktur und Bauwirtschaft beschäftigt.

Mit freundlicher Unterstützung
ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
Friedrich-Ebert-Stiftung