Bauhaus Lectures: Die Welt und ihr Double – Internationale Konferenz 2011

Abriss der Rekonstruktion: Das Rekonstruieren als Kulturtechnik stand im Mittelpunkt der Bauhaus Lectures am 26. und 27. Mai 2011.

Seit einigen Jahren wird in Deutschland eine intensive Debatte über die Rekonstruktion von verloren gegangenen Bauten geführt. Die Vergegenwärtigung von Vergangenem ist allerdings eine Kulturtechnik, die sich nicht auf das Bauen beschränkt: Verstorbene Rockstars werden gedoubelt, Dinosaurier in Museen zum „Leben“ erweckt, Naturräume zurückgebaut, religiöse Ereignisse rituell nachgestellt. Löst sich die Fixierung der Rekonstruktionsdebatte von der heutigen Architektur, wird verschiedenes deutlich. Zum einen gibt es unterschiedlichste Gründe, etwas Vergangenes wieder zu vergegenwärtigen: Ein traumatisierendes und verdrängtes Erlebnis verarbeiten, ein Ökosystem wiederherstellen und ein Geschichtsbild konstruieren. Und je nach Intention ändert sich auch die Art der Rekonstruktion. Zum anderen Bedarf die Rekonstruktion einer Überlieferung, einer Beschreibung dessen, was verloren ist: Sei es ein Text, eine Zeichnung, ein Foto oder archäologische Spuren. Und je nach Medium der Erinnerung sind unterschiedliche Informationen aus der Vergangenheit erhalten. Auch dieses prägt das Resultat jeder Rekonstruktion.

Anhand der Themenfelder Mensch, Natur, Religion und Architektur stellte die Konferenz Kulturtechniken des Rekonstruierens vor und zur Diskussion. Hintergrund der Debatte bildeten Rekonstruktionsprojekte der Welterbestätten in der Region. Die Lutherhäuser in Eisleben stellen eine bereits vor Jahrhunderten vorgenommene „Rekonstruktion“ dar, die zwar wenig mit den Sachverhalten aus der Lebenszeit Luthers zu tun haben, sich aber bereits selbst als neue Artefakte in die Geschichte des Luthergedenkens eingeschrieben haben und als fiktive Rekonstruktionen zum Weltkulturerbe erhoben wurden. Mit dem Rückbau von Deichen im Biosphärenreservat Mittelelbe wird ein verloren gegangener Landschaftsraum rekonstruiert, womit Hochwasserschutz erzielt und verloren gegangene Biotope für die Tier- und Pflanzenwelt wieder gewonnen werden. Anders als bei der Rekonstruktion von Baudenkmälern ist die rekonstruierte Funktionalität von erheblichem Belang. Bei der anstehenden Reparatur des Ensembles der Meisterhäuser des Bauhaus Dessau wird bewusst der Weg einer abweichenden Rekonstruktion gewählt, die den Verlust der Originalbauten nicht unkenntlich macht. Durch „Unschärfe“ und Abstraktion gibt sich der Nachbau als eine Erinnerung an einen verlorenen Zustand erkenntlich.

Eine Veranstaltung der Hochschule Anhalt (FH) und der Stiftung Bauhaus Dessau zusammen mit dem Biosphärenreservat Mittelelbe, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und dem Umweltbundesamt.

  • P R O G R A M M :

N A T U R – Rekonstruktion des Lebendigen aus Daten

  • Animation verschwundener Arten, Ulrich Schwarz (Berlin)
  • Simulationen des Ökosystems Wasser, Achim Schulte (Berlin) Moderation: Erich Buhmann

R E L I G I O N – Rekonstruktion des Heiligen aus Texten/Handlungen

  • Rekonstruktion des religiösen Ortes, Eva-Maria Seng (Paderborn)
  • Räume, Rituale und (Re)Konstruktion des Religiösen, Helmut Umbach (Kassel) Moderation: Stefan Rhein

M E N S C H – Rekonstruktion von Interaktionen aus Sprache/Scripten

  • Psychoanalyse, Claus-Dieter Rath (Berlin)
  • Nachspielen von Stars, Klaus Walter (Frankfurt/M.)
    Moderation: Walter Prigge

G E S C H I C H T E – Rekonstruktion als Kreativität oder Zerstörung?

  • Zerstörung und Rekonstruktion, Aleida Assmann (Konstanz)
  • Cronocaos, Stephan Petermann (Rotterdam) Moderation: Philipp Oswalt

A R C H I T E K T U R – Rekonstruktion der Erscheinung aus Bildern

  • Rekonstruktion aus der Fotografie, Rolf Sachsse (Saarbrücken)
  • Meisterhaus Gropius, Donatelli Fioretti/Jose Gutierrez Marquez (Berlin)