5 Fragen an Anja Pawel

Anja Pawel ist Stipendiatin des Exzellenzclusters Bild Wissen Gestaltung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zusammen mit Mary Copple, Michael Friedman und Sandra Schramke organisierte sie ein Open Studio zum Thema Rudolf Labans Notation am Bauhaus in Dessau.

  • In Ihrem Open Studio setzen Sie die Studierenden mit Rudolf Laban (1879-1958) auseinander, der als Wegbereiter des modernen Ausdruckstanzes gilt. Gibt es eine direkte Verbindung zwischen Laban und dem Bauhaus? Hat er hier gearbeitet und sich mit Oskar Schlemmer ausgetauscht?

Eine direkte Verbindung bezüglich eines Aufenthalts Labans am Bauhaus gibt es nicht. Ich möchte dies allerdings auch nicht ganz ausschließen, denn es gibt noch Lücken in Labans Lebenslauf, die nicht erforscht sind, nur bis jetzt ist kein Hinweis darauf bekannt. Doch gibt es etliche indirekte Bezüge zwischen Laban und Schlemmer, die durchaus nennenswert sind. Bspw. berichtet Schlemmer in einem Artikel der Zeitung „Schrifttanz“, dass er für seine Choreografie des Triadischen Balletts Tänzer eingesetzt hat, die von Laban ausgebildet wurden. Er nutzt dies als Hinweis auf die Qualität des Balletts, welche von Kritikern damals in Frage gestellt wurde. Dies ist ein Indiz, dass beide zumindest Kenntnis und Wertschätzung für einander besaßen. Beide experimentierten an der Schnittstelle von bildender Kunst und Tanz und waren bildnerisch und choreografisch tätig. Auch das Interesse und die Verwendung von Proportionsstudien und der Ordnung des Körpers im Raum durch geometrische Gesetze ist eine wichtige Parallele auch wenn sie sich auf die jeweilige choreografische Arbeit verschieden ausprägten.

  • Die geometrische Ordnung der menschlichen Bewegung, das war Labans Grundthema. Ist das ein bis heute aktuelles Thema? Oder anders gefragt: warum greifen Sie gerade die Notation von Rudolf Labans auf?

Laban war für das frühe 20. Jahrhundert eine wichtige Figur, in so weit, dass er sehr interdisziplinär gearbeitet hat. Bildende Kunst, Architektur, Naturwissenschaften, er hat viele Disziplinen in seiner choreographischen Tätigkeit vereint. Somit ist er ein Vorbild für heutige Ansätze Disziplinen nicht mehr als getrennt voneinander, sondern als sich gegenseitig befruchtend zu betrachten und das auch in Hinblick auf eine Verquickung von Theorie und Praxis, wie es auch das Exzellenzcluster „Bild Wissen Gestaltung“ (BWG) unternimmt. Laban ist dafür ein unterschätztes Vorbild. Durch seine Emigration nach Großbritannien 1937 ist er in Deutschland weniger bekannt. Wir untersuchen Labans Verbindungen und Vorbildfunktion vor allem zur Bildenden Kunst und Architektur, wie bspw. dem Architekten Richard Buckminster-Fuller, der, ebenso wie Laban, mit platonischen Körpern experimentierte.

Die Notation ist in soweit wichtig, da sie einen der Höhepunkte in Labans Lebenswerk darstellt, bis heute Verwendung findet und sowohl formal als auch inhaltlich fasziniert. In ihr kristallisieren sich viele seiner Prinzipien. Sie ist sehr komplex und benötigt eine intensive Ausbildungszeit. Um Labans Werk besser zu begreifen ist es von Nöten die Notation, zumindest in ihren Ansätzen zu verstehen. Das geht nicht ohne die gleichzeitige praktische Ausführung dessen. Ziel des Workshops war es beide Ansätze zu verfolgen.

  • Die Open Studios ermöglichen den Studierenden das Arbeiten direkt am Bauhaus, sogar auf der Bauhausbühne. Gibt es Respekt vor dem Ort? Arbeitet es sich hier anders als in modernen Hochschulgebäuden?

Die Bauhausbühne war der ideale Ort, da die Zeitgenossenschaft zum thematischen Schwerpunkt unseres Workshops ständig präsent war. Viele Inhalte, die wir im Zuge der Untersuchung der Notationsschrift behandelt haben, wie Abstraktion, Geometrie, die Wandlung von Form von Funktion, finden sich in der architektonischen Gestaltung des Umraums wieder. Der Raum ist sehr flexibel und konnte sowohl für praktische, „körperliche“ Arbeit als auch für Vorträge und anschließende Diskussion gleichermaßen und ohne Umbauphase genutzt werden, so dass ein sehr konzentriertes, intensives Arbeiten möglich war. Praxis und Theorie zu verknüpfen war zentral für das Bauhaus und ebenso in unserem Workshop. Wir sind im Grunde den damaligen Ansätzen der Schule aus der Perspektive des 21. Jhds. unter neuen Fragestellungen gefolgt.

  • Das Exzellenzcluster „Bild Wissen Gestaltung“ der Humboldt Universität in Berlin versteht sich als interdisziplinäres Labor. Es steht damit direkt in der Bauhaus Tradition, Theorie und Praxis zusammen und im Austausch zu betrachten. Haben wir dieses Bauhaus Erbe ausreichend verinnerlicht in unserer Hochschullandschaft oder fühlen auch Sie sich als Vorreiter eines neuen Grundverständnisses?

Das Bauhaus fungiert natürlich als wichtiger historischer Vorläufer von BWG und ist auch in unseren Diskussionen immer präsent. Ein wichtiger Einfluss für BWG ist auch die Hochschule für Gestaltung in Ulm, da sie mit digitalen Medien die Automatisierung anstelle eines Meisterdenkens setzte, die in BWG in neuen Formaten wie dem Gamelab erprobt wird. Im Unterschied zu diesen Institutionen beherbergt BWG eine ungleich höhere Anzahl an Disziplinen.

  • Wie lebt es sich in Dessau, am Bauhaus? Was werden ihre Studierenden mitnehmen?

Der Zeitgeist der klassischen Moderne ist an keinem anderen Ort so intensiv und in einer solchen Vollständigkeit vorhanden, ohne dabei seinen aktuelle Präsenz und Prägnanz im 21. Jhd. zu verlieren. Die Übernachtungsmöglichkeiten und das ungestörte Arbeiten ermöglichen dieses Eintauchen auch über einen längeren Zeitraum und schaffen so ein umfassendes Verständnis und „Bild“ der Zeit, welches kein Lehrbuch bieten kann.

Die Fragen stellte Dr. Helga Huskamp, Leitung Kommunikation der Stiftung Bauhaus Dessau.