Das Bauhaus in Dessau

Die Hochschule für Gestaltung in Dessau

Dessau ist die Stadt, mit der das Bauhaus am stärksten verbunden wird. Hier hat die 1919 in Weimar von Walter Gropius gegründete Hochschule am längsten gewirkt und zwischen den Jahren 1925 bis 1932 ihre Blütezeit erlebt. Alle drei Bauhausdirektoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe haben das Bauhaus in Dessau geprägt und nahezu alle Bauhausbauten, die in Dessau entstanden sind, zählen heute zu den Ikonen der Architektur des 20. Jahrhunderts.

Das Bauhaus und die Stadt

Der Anspruch des Bauhauses die moderne Gesellschaft mitzugestalten, ließ sich in Dessau unmittelbar umsetzen. Die Stadt ist in den 1920ern ein aufstrebender Industriestandort, mit dem Bürgermeister Fritz Hesse, dem Ingenieur Hugo Junkers und dem Landeskonservator Ludwig Grote als treibende Kräfte. Als das Bauhaus aus politischen Gründen im Jahr 1924 Weimar verlassen musste, hatten sich auch andere Städte wie Frankfurt/Main, Darmstadt und Magdeburg um das Bauhaus als Hochschule für Gestaltung beworben. Dessau ging damals als Sieger hervor.

Schon 1926 konnte in Dessau das von der Stadt finanzierte und nach Plänen von Walter Gropius errichtet neue Hochschulgebäude eröffnet werden. Rund 1.500 Gäste kamen aus der gesamten Welt zur Eröffnung.

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Bauhausgebäude Dessau, Ansicht von Südost, Fotografie, Fotograf unbekannt (vermutlich Ernst Gülzow), o. J., 1931/32,unbezeichnet, Vintage Print, 5,4 x 8,6 cm / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: unbekannt
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Bauhaus Dessau, Nach dem Unterricht bei Wassily Kandinsky (in der Mitte sitzend) im Prellerhaus, Fotografie, Fotograf unbekannt, o. J., 1931/32,unbezeichnet, Vintage Print, 5,6 x 8 cm / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: unbekannt
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Beginn einer Reise von Studenten der Architektur-Abteilung vor dem Bauhausgebäude Dessau, 1932 / Stiftung Bauhaus Dessau / Foto: Albert Hennig (c) Editha Hennig
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Studenten auf der Brüstung der Mensa-Terrasse um 1931 / Stiftung Bauhaus Dessau (I 19044 F), Foto: unbekannt

Die Moderne gestalten

Die katastrophalen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges motivierten die Bauhäusler das Leben, die Gesellschaft und den Alltag radikal neu zu denken. Sie negierten das traditionelle Wissen und bauten mit dem Bauhaus eine Hochschule auf, an der junge Menschen über das Lernen mit und am Material ihre künstlerische Kreativität entfalten sollten, um die Moderne in allen ihren Anforderungen zu gestalten. Dabei ging es weniger um das künstlerische Einzelwerk, sondern um Alltagsgegenstände, die in Zusammenarbeit mit der Industrie hergestellt werden sollten. Daraus entstand das Gros der bekanntesten Produkte und Bauten, die das Bild des Bauhauses bis heute prägen – von Marcel Breuers Stahlrohrmöbeln über Marianne Brandts Aschenbecher und dem Stahlhaus bis zum meistverkauften Erzeugnis: der Bauhaustapete.

Das Bauhaus als Ort der Avantgarde

In nur wenigen Jahren wird das Bauhaus in Dessau ein Anziehungspunkt für junge Leute aus aller  Welt. Der theoretische Unterricht wird auf eine breitere Basis gestellt und andere Fächer wie z.B. Ingenieurswissenschaften, Psychologie oder Betriebswirtschaftslehre in das Lehrprogramm eingebunden. Absolventen schlossen ihre Ausbildung nun mit einem Bauhausdiplom ab. Im Werkstattflügel des Hochschulgebäudes ratterten die Maschinen, während in der Bühnenwerkstatt das moderne Theater entwickelt wurde. Die Studenten lebten im Ateliergebäude, auch Prellerhaus genannt, und trafen sich in der Mensa oder nutzten den Gymnastikraum. In den, nur wenige Meter entfernten, Meisterhäusern lebten hingegen die Meister mit ihren Familien. In der ersten Generation waren dies: Walter Gropius, Oskar Schlemmer, Georg Muche, László Moholy-Nagy, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Zu ihnen gesellten sich oft Freunde und Gäste, so dass das Ensemble der Meisterhäuser zum Inbegriff der Künstlerkolonie des 20. Jahrhunderts avancierte.

Die Stadt als Auftraggeber

Mehrfach betraute die Stadt die Bauhäusler mit öffentlichen Bauaufgaben. So entstehen von Walter Gropius die Siedlung Dessau-Törten und das Arbeitsamt, von Hannes Meyer die Laubenganghäuser sowie von Carl Fieger das Ausflugslokal Kornhaus. Mies van der Rohe baut die kleine Trinkhalle an den Meisterhäusern.

Die drei Direktoren und die Schließung

Auch in Dessau war das Bauhaus nicht vor politischen Anfeindungen geschützt. Nachdem Walter Gropius 1928 die Leitung der Hochschule an Hannes Meyer übergibt, rückt dieser den sozialen Anspruch des Bauhauses in den Fokus. Ihm ging es vor allem um die Frage, wie gut gestaltete Produkte und Bauten so geschaffen werden können, dass sie für alle erschwinglich sind.

Neben der Volkswohnung waren vor allem die Laubenganghäuser und die ADGB-Bundessschule in Bernau architektonische Beispiele von Meyers Idee einer kollektiven Gestaltung mit sozialem Anspruch. Unter Hannes Meyer radikalisierten sich die Studenten politisch und engagierten sich für den Kommunismus. Die Politik entließ daraufhin Meyer, der selbst Marxist war, im Jahr 1930. Walter Gropius selbst war es, der Ludwig Mies van der Rohe als dritten Direktor empfahl. Unter ihm wurde der Vorkurs abgeschafft und die Werkstattarbeit reduziert. Architektur, konstruktive Logik und räumliche Freiheit rückten in den Fokus.

In der Dessauer Stadtversammlung hatten inzwischen die Nationalsozialisten die Mehrheit erreicht. Am 30. September 1932 beschloss die Dessauer Stadtversammlung die Schließung der Hochschule für Gestaltung in Dessau. Ludwig Mies van der Rohe führte das Bauhaus noch für ein weiteres Semester in Berlin-Steglitz als Privatinstitut weiter, bevor er nach vielfachen Querelen mit den Nationalsozialisten am 10. August 1933 in einem Rundschreiben die Auflösung des Bauhauses bekannt gibt.

Die Rezeption der Bauhausidee weltweit

Trotz der Schließung der Schule haben sich die Ideen des Bauhauses weltweit verbreitet. Vielfach gingen die Bauhausmeister ins Exil und wurden wie zum Beispiel Josef Albers Professoren an Nachfolgeinstitutionen wie dem Black Mountain College in North Carolina oder wie László Moholy-Nagy, der das New Bauhaus in Chicago leitete. Auch die Studenten, die aus 29 Ländern an das Bauhaus nach Dessau gekommen waren, verbreiteten die Ideen des Bauhauses in ihren Ländern weiter.

Die Fortführung des Bauhauserbes in Dessau

Die Bauhausarchitektur konnte sich über die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs sowie auch über die Zeit der DDR trotz teilweiser Zerstörungen erhalten. Die DDR entdeckt das Bauhauserbe erst 1976 wider. Sie rekonstruiert das Bauhausgebäude denkmalgerecht und gründet das Wissenschaftlich-Kulturelle Zentrum (WKZ), das unter anderem den Aufbau der heutigen Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau initiiert und die Bauhausbühne reaktiviert. Nach der Wiedervereinigung wird im Jahr 1994 die Stiftung Bauhaus Dessau gegründet, die bis heute das Bauhauserbe in Form der Bauten, der Sammlung und der Vielfalt der Themen zu Architektur, Design und Kunst erforscht, erhält und vermittelt. Die Stiftung hat einen künstlerisch-wissenschaftlichen Auftrag, ihre institutionellen Förderer sind die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), das Land Sachsen-Anhalt sowie die Stadt Dessau-Roßlau.

Seit dem Jahr 1996 zählen die Bauhausstätten in Weimar und Dessau gemeinsam zum UNESCO-Welterbe.

Jährlich kommen etwa 100.000 Besucher aus der ganzen Welt nach Dessau, um die Bauhausbauten zu besichtigen sowie als Wissenschaftler, Architekten, Designer, Künstler oder Studenten hier zu forschen, zu arbeiten und künstlerisch tätig zu sein.