5 Fragen an Kathrin Kolleck

Zu Besuch in der Bauhaus Bibliothek 


1932, nach nur sieben Jahren, musste das Bauhaus unter den Nationalsozialisten weichen. Schüler und Lehrende verließen Dessau und nahmen alles mit, was sie nur konnten. Auch die Bibliothek wurde geräumt und Bücher mitgenommen. Bis 1933 etablierte sich das Bauhaus für kurze Zeit in Berlin, bis schließlich der Einfluss der  Nationalsozialisten zu einer endgültigen Auflösung des Bauhauses führte und es in Vergessenheit geriet. 1976 eröffnete die DDR das Bauhaus Dessau zum 50. Geburtstag wieder, als restauriertes Denkmal und öffentliche Einrichtung. Und was geschah mit der Bibliothek? Auf diese und vier weitere Fragen wissen Kathrin Kolleck und ihre Kollegin Karin Jaenecke eine Antwort. Seit 22 Jahren arbeiten sie zusammen in der Bibliothek und wissen, welche Bücher am Bauhaus gelesen werden. 

Welche Literatur führt die Bibliothek? Und wie kann diese genutzt werden?

Unsere Bibliothek ist eine wissenschaftliche Spezialbibliothek und hat bis auf Ausnahmen Präsenzcharakter. Zu uns kommen unsere Mitarbeiter, Forscher und  Bauhaus-Interessierte aus der ganzen Welt. Die Bauhaus Bibliothek besitzt eine der weltweit größten Bestände an Bauhausliteratur. Aber auch zu aktuellen Projekten finden die Besucher Publikationen. Darüber hinaus führen wir nicht nur Literatur über das Bauhaus: Es gibt neben Regionalliteratur auch Bücher zur Architektur, Bühne, Design, Ökologie und Stadtentwicklung.

Was ist denn das Besondere an der Bauhausliteratur?

Das Bauhaus kann literarisch von vielen Perspektiven aus betrachtet werden, es umfasst eine Bandbreite an verschiedenen Themen: Gerade bei Publikationen einer Kunstrichtung, denkt man zunächst an die Künstler selbst, z.B. an Bildbände mit Werken von Wassily Kandinsky. Natürlich besitzen wir Werke über das Leben und Wirken der Bauhauskünstler. Aber die Literatur geht inhaltlich noch darüber hinaus, denn unsere Besucher betrachten das Bauhaus aus verschiedenen Perspektiven. So interessieren sich Einige eher für die Architektur, andere konzentrieren sich mehr auf Städteplanung und Mobilität. Auch Gestaltung und Design liegen immer wieder im Fokus. Diese Bestände bieten diese Vielfalt an Ideen und Themen, die nach wie vor aktuell sind. Das ist das Besondere an dieser Literatur, sie ist auch auf heutige Ideenkonzepte anwendbar, wie die zahlreichen Projekte der Stiftung Bauhaus beweisen. Wir versuchen auch unsere Bestände inhaltlich stets zu erweitern.

Wann wurde sie wiedergegründet und wie entwickelte sich der heutige Bücherbestand?

Die Bibliothek wurde anlässlich des 60. Jahrestages des Bauhauses, 10 Jahre nach dessen Wiedereröffnung, gegründet. Bis dahin hatten die Mitarbeiter ihre Bücher am Arbeitsplatz. Als Ort wurde der ursprüngliche historische Raum im Nordflügel vorgesehen. 1986 ging die Bibliothek zunächst aus den Handapparaten der einzelnen Mitarbeiter hervor. Die Bestände der originalen Bauhausbibliothek waren verloren gegangen. Wir sind bis heute noch auf den Spuren dieser Bücher. Durch Zufälle kamen einige Exemplare aus diesem Bestand wieder zu uns zurück, was der Eigentumsstempel beweist. Durch Schenkungen konnte die Bibliothek ihren Bestand dann weiter vergrößern.

Im Laufe der Jahre nahm unser Bestand stetig zu, sodass die Bibliothek 2011 verlegt wurde musste – und zwar in dieses Gebäude, in dem wir heute sitzen. - Seit den sechziger Jahren waren hier eine Kaufhalle und ein Tanzcafé ansässig. Ab den Neunzigern stand das Gebäude leer und verwahrloste zusehend, bis es schließlich in den Besitz des Landes Sachsen-Anhalt überging mit dem Ziel, die Bibliotheken der Hochschule Anhalt und der Stiftung Bauhaus Dessau aufzunehmen. Im Zuge der IBA Stadtumbau 2010 wurde das Gebäude, nun mit seinen zwei „Bibliotheken am Bauhaus“ unter einem Dach wiedereröffnet.

Viele denken bei dem Beruf Bibliothekarin an Lesen und Bücher verleihen. Aber was genau verbirgt sich den hinter Ihren Aufgaben in der Bibliothek?

Auch wenn ich jeden Tag mit Büchern zu tun habe, komme ich nur zu Hause zum Lesen. Aber dieses Klischee begegnet mir oft in meinem Beruf. Meine Kollegin und ich sind für die Bibliothek zuständig und kümmern uns um alle anfallenden Aufgaben. Es wird nie langweilig. Ein Hauptteil meiner Arbeit ist die Recherche nach vergriffenen, sowie Bauhausrelevanten Büchern aus Kleinstverlagen, zudem auch der Erwerb neuer Bücher und Bestandspflege. Das Schönste an meinem Beruf ist der persönliche Kontakt mit den Nutzern. Besonders Spaß macht mir auch die Presserecherche zu Artikeln über aktuelle Themen unseres Hauses. So kann ich den aktuellen Projekten thematisch noch näher sein.

Gibt es ein Buch aus der Bauhaus- oder Architekturliteratur, das Sie besonders interessant finden oder einen Künstler über den Sie gerne lesen?

Ein spezielles Lieblingsbuch in der Bibliothek habe ich nicht. Spannend finde ich unsere Bücher zum Architekten Frank Lloyd Wright, speziell das Buch von Margo Stipe mit faksimilierten Entwurfszeichnungen und Originalbriefen aus dem Archiv. Besonders ist mir Carl Marx ans Herz gewachsen. Als Mensch und Künstler gehörte er zu den Unangepassten. In seinen Bildern ist stets etwas Augenzwinkerndes, Heiteres und auch Ernstes zu finden.

Das Interview wurde geführt von Valerie Pagel.