Energielandschaften 3.0.
Sommerschule 2011

Energielandschaften 3.0 drang in das postfossile Zeitalter ein. Mit der Industrialisierung löste die fossile Ära die kleinteiligen Strukturen der präfossilen Energieversorgung durch interkontinentale Netze und Systeme ab. Doch was kommt danach? Über viele Jahre lag das Hauptaugenmerk auf kleinteiligen, dezentralen Lösungen regenerativer Energiegewinnung. Seit einigen Jahren sind aber auch groß-technologische Lösungen im Gespräch – wie Desertec mit Solaranlagen in der Sahara für den europäischen Energiebedarf oder Großwindanlagen in den nördlichen Meeren Europas.

Immer mehr rückt bei der Debatte um regenerative Energien und Klimaschutz die Frage der erforderlichen neuen Netzwerke in den Vordergrund. Dabei wird immer deutlicher, dass die Großstrukturen des fossilen Zeitalters nicht allein durch eine Unzahl von kleinen dezentralen Energieerzeugungen, wie im präfossilen Zeitalter, wieder abgelöst werden, sondern dass sich die Frage nach Großstrukturen in neuer Weise stellt. Das Projekt untersuchte deshalb mögliche Netzgeografien und Konzepte und ihre Auswirkungen auf die Siedlungsstrukturen in Europa. Den Ausgangspunkt bildete die Geschichte des utopischen Denkens im großen Maßstab: Herman Sörgel mit Atlantropa (1928) und Richard Buckminster Fuller mit seinem World Game (1972) haben bereits vor Jahrzehnten Visionen für neue Energiearchitekturen vorgelegt.

Studios und Leitung

  • STUDIO 1: Intense Landscapes — Rail Corridors as Energizing Spines; Anuradha Mathur / Dilip Da Cunha (USA, Indien)
  • STUDIO 2: Plus/Minus Gesellschaft; Theo Deutinger (Niederlande, Österreich)
     
  • STUDIO 3: Organism of Energy; Gunnar Hartmann (Deutschland, Schweiz)
  • STUDIO 4: The Mediterranean Challenge; Stefan Tischer (Italien, Deutschland)

"Dissolve the city", "Lo(o)sing control — Gaining Power", "Guerilla Gridding", "Bomb the Bad Guys! Bomb the Mals!", "Zero Energy Living", "Create self-regulation systems!”, "It’s all about Storage!" — mit teilweise sehr radikalen Slogans und Statements wie diesen sind die Szenarien für eine postfossile Energielandschaft überschrieben, wie sie von den Teilnehmern im Ergebnis der Sommerschule erarbeitet wurden.

Augenfällig dabei ist, dass mit den gewählten Zugängen die ganze Bandbreite des gegenwärtigen Diskurses über die Zukunft der Energieversorgung abgebildet wird: technisch, alltagsweltlich, planerisch, kulturkritisch.

So wählte das Studio mit dem Thema "ORGANIST OF ENERGY" einen dezidiert technischen Zugang und untersuchte mittels Organigrammen die in aller Munde befindlichen "smart grids" als Modell für eine neue Generation von Verbrauchern, den Prosumenten. Das Studio "INTENSE LANDSCAPES" nahm am Beispiel der indischen Eisenbahninfrastruktur die alltagsweltliche Perspektive in den Blick und zeigte durch "Eindringen" in den großen Maßstab mittels "Filmschnitt und -montage" Lücken und Gestaltungsansätze für kleine Maßnahmen auf, mit denen sich das vorhandene System durch die Bewohner entlang der vorhandenen Korridore intensivieren und verdichten lassen kann. Die Eisenbahnkorridore sind nicht mehr nur Verbindungstrassen von A nach B, sondern werden INTENSE ENERGY LANDSCAPES. Das vierte Studio "THE MEDITERRANEAN CHALLENGE" beschäftige sich — quasi kontrapunktisch — mit den großen Entwürfen für die Erschließung des Mittelmeerraumes als Sonnenergiequelle aus einer klassisch landschaftsplanerischen Perspektive. Fast im Sinne einer Synthese oder Kommentierung aller Studioarbeiten schließlich wurden im Studio "+/-SOCIETY" dezidierte Positionen für eine Veränderung von ökonomischen, gesellschaftlichen und individuellen Verhaltensweisen über Diagramme, Mappings und Zukunftsszenarien generalisiert und durch zugespitze Visualisierungen veranschaulicht.

Die Qualität dieser Arbeiten liegt in einer gemeinsamen Grundhaltung, die die Einstiegsthesen unterstützt und abschließend in den "Dessauer Thesen zur Energielandschaft 3.0" ausformuliert wurde. In nur 10 Tagen sind die einzelnen Studios zu in sich schlüssigen Aussagen und eindrucksvollen Bildern gekommen. In täglichen Diskussionen sowie Experten-Kritiken bei der Zwischen- und der Abschlusspräsentation wurden Arbeitsstände immer wieder befragt und weiterentwickelt.

Begleitprogramm

Ein dichtes Programm mit Vorträgen, Expertengesprächen und Filmen begleitete die 10tägige Arbeit in den Studios. Nachdem sich am Ankunftsabend die Studioleiter mit jeweils einer kurzen Präsentation zu ihrer Person und ihrem Konzept für die Sommerschule vorgestellt haben, gab es am ersten Tag einführende Vorträge. Es wurden den Teilnehmern die Bauhaus-Thesen zu den Energielandschaften 3.0 vorgestellt und als Anregung und Diskussionsstoff für die Studioarbeit mitgegeben. Vorträge zu Historie + Raum, zu Designpraktiken der Moderne sowie zu den neueste technologische Entwicklungen auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien folgten.

Die Referenten waren:

  • Prof. Philipp Oswalt, Stiftung Bauhaus Dessau
  • Dr. Henning Schirmel, Geograph
  • Prof. Joachim Krause, Hochschule Anhalt
  • Dr. Albrecht Reuter, FICHTNER IT GmbH
  • Alex Voigt, Younicos AG
  • Jan G. Tönnies, Rechtsanwalt

An zwei Abendveranstaltungen wurden Filme gezeigt, die auch für die Öffentlichkeit zugänglich waren: so gab es eine Präsentation über die Exkursion zu den neuen Solarparks in Spanien und Marokko durch die Teilnehmer der Exkursion. An einem zweiten Abend wurde die Filmdokumentation «Atlantropa » gezeigt. In diesem Film wird das Leben und die Vision von Herrmann Sörgel aus den 1920er Jahren zur Energieversorgung Europas durch einen riesigen Staudamm an der Straße von Gibraltar nachgezeichnet. Interviews mit Historikern und Wissenschaftlern heutiger Zeit reflektieren dieses Projekt im Kontext der Moderne-Utopien.

Zur Rückkopplung der Studioarbeit, dem Austausch untereinander und gegenseitigen Kennenlernen gab es die sogenannte Tea-Time. Hier hatten Studioleiter und Teilnehmer die Gelegenheit, eigene Arbeiten, Haltungen, Projekte vorzustellen und quer zu den Studios miteinander ins Gespräch zu kommen.

Parallel zu den Studios wurden Experten und Ingenieure eingeladen, die den Teilnehmern jeweils an einem ganzen Tag für Fragen und Beratungen zur Verfügung standen. Davon haben die Teilnehmer rege Gebrauch gemacht.

Folgende Experten standen zu folgenden Themen zur Verfügung:

  • Dr. Andreas Kiessling für Netze und Netzmanagement
  • Clemens Triebel für Speichertechnologien
  • Prof. Volkmar Bleicher für KlimaEngineering

Einen besonderen Höhepunkt bildeten zwei Gastvorlesungen: einmal der Vortrag von Prof. Charles Waldheim von der Harvard University zum Thema «Landscape of Production / Landscape of Consumption ». Zum anderen der Vortrag von Prof. Raoul Bunschoten zum Thema «The Low Carbon Incubator».

Bei der Zwischen- und der Abschlusspräsentation haben die Teilnehmer ihre Studioarbeiten zur Diskussion gestellt. Im Gespräch mit den Gastkritikern wurden die Kernaussagen der einzelnen Teams herauspräpariert. Zu den Gastkritikern gehörten Vertreter aus Kultur, Wirtschaft, Politik und Gestaltung:

  • Prof. Volkmar Bleicher, Transsolar
  • Prof. Raoul Bunschoten, TU Berlin/Chora
  • Philipp Hiersemenzel, Younicos
  • Kai Kuhnhenn, Umweltbundesamt (UBA)
  • Janek Müller, Haus der Kulturen der Welt
  • Prof. Philipp Oswalt, Stiftung Bauhaus Dessau
  • Prof. Charles Waldheim, Harvard University Graduated School of Design

Zum Abschluss erhielten die Sommerschüler ein Zertifikat, das im festlichen Rahmen übergeben wurde und in einem Abschlussfest mündete.

Die Ergebnisse der Sommerschule wurden außerdem auf dem Festival Über Lebenskunst im Haus der Kulturen der Welt präsentiert.

Exkursion

Eine Exkursion führte die Teilnehmer vorab nach Spanien und Marokko. Hier lernten sie unter Leitung von Prof. Stefan Tischer den Kontext vor Ort kennen und besuchten die DESERTEC-Solarparks.


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Mit freundlicher Unterstützung

durch die Otto-Brenner-Stiftung.