Designpark mit Sonnenbrilleneffekt? – Wie das Erbe der HfG Ulm verschleudert wird

  • Von Christina Tilmann

Vielleicht hätte sich der damalige Bundespräsident Horst Köhler etwas eingehender informieren sollen, als er in seiner Rede zum 3. Oktober 2008 die Ulmer Hochschule für Gestaltung in eine Reihe mit der Dresdner Frauenkirche, dem Kölner Dom, den Berliner Philharmonikern und dem Bauhaus Dessau stellte. Zwar ist die HfG Ulm, 1953 von Otl Aicher, Inge Aicher-Scholl und Max Bill gegründet und schon 1968 wieder geschlossen, unbestreitbar Deutschlands wichtigste Design-Hochschule nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch die Realität um ihr Erbe gleicht einer Provinzposse, mit zunehmender Tendenz zur Eskalation. Von einer angemessenen Würdigung und Wahrung der HfG-Tradition ist man in Ulm gegenwärtig himmelweit entfernt.

Ende vergangenen Jahres ist der seit langem schwelende Streit publik geworden. In einem von der Stiftung Bauhaus Dessau initiierten Offenen Brief an Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Stefan Mappus hatten über 70 ehemalige HfGler, unter ihnen der einzige noch lebende Rektor Tomás Maldonado, ein Großteil der ehemaligen Dozenten und Absolventen – wie die Filmregisseure Alexander Kluge und Edgar Reitz, die Designer Gui Bonsiepe, Alexander Neumeister, Herbert Lindinger und Nick Roehricht – sowie der Komponist Helmut Lachenmann besorgt auf den Zustand der HfG-Stiftung hingewiesen: „Das Erbe der HfG Ulm ist in Gefahr.“ Auch dem Erbe verbundene Theoretiker und Gestalter wie Sir Norman Foster, Richard Meier und Erich Spiekermann sowie die Söhne von Max Bill, Otl Aicher und Hans Gugelot haben den Brief unterzeichnet, der sich wie ein Who is Who der HfG-Geschichte liest. Zuvor schon waren die Intendantin Regula Staempfli und die externen Mitglieder des Fachbeirats des in Ulm angesiedelten Internationalen Forums für Gestaltung (IFG) zurückgetreten und hatten heftige Vorwürfe erhoben. Es geht um die Personalstruktur der HfG-Stiftung, um den Umgang mit den denkmalgeschützten Gebäuden, es fallen Worte wie „Kommerzialisierung“, „Ausverkauf“ und „Insiderwirtschaft“. Vor allem aber geht es darum, wer die Zukunft der traditionsreichen Marke „HfG Ulm“ bestimmt.

Zentrum der Angriffe ist die private Stiftung HfG Ulm, die das ehemalige Hochschulgelände auf dem Oberen Kuhberg in Ulm verwaltet. Schon 1986 hatte Otl Aicher der damaligen Geschwister-Scholl-Stiftung die Nutzung des Namens Geschwister Scholl untersagt, weil die Stiftung nur noch immobilienwirtschaftliche Interessen verfolge. Darin hat sich im Grunde bis heute nichts geändert: Die Stiftung vermietet die HfG-Gebäude und kümmert sich um die Sanierung. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der HfG-Tradition und ihrer Relevanz für die Gegenwart ist dem Internationalen Forum für Gestaltung (IFG) überlassen, das auf diese Weise die Gemeinnützigkeit der Stiftung sichert. Ehemalige Angehörige der HfG werden kaum gehört oder einbezogen. Und das Archiv der HfG Ulm, das die Stadt Ulm verwaltet, ist bislang trotz verdienstvoller Arbeit sowohl räumlich als auch personell zu schlecht ausgestattet, um eine zentrale Rolle in der öffentlichen Darstellung der HfG-Tradition zu spielen. Auch mit dem bevorstehenden Umzug in die Gebäude auf dem Oberen Kuhberg wird sich daran vermutlich wenig ändern: Die Flächen, die nach dem gerade abgeschlossenen Mietvertrag dort zur Verfügung stehen, sind viel zu klein, um den reichen Bestand an Künstlernachlässen und Dokumenten angemessen zu präsentieren.

Hinzu kommt, dass alle Beteiligten in Ulm inzwischen heillos zerstritten sind. Der Geschäftsführer der Stiftung, der ehemalige Daimler-Benz-Manager Dieter Bosch, agiert zunehmend selbstherrlich. Eine Interviewanfrage wimmelt Pressesprecher Frank Schulz ab: Man habe kein Interesse, mit Kritikern zu sprechen. Auch ein Besuch in Ulm wird nicht empfohlen: Die Gebäude seien Baustelle. Auf der Website der Stiftung spricht Bosch von „HfG-Ulm-Pharisäern“, „selbsternannten Erben“ und einer „neuen Qualität der Streitsucht“. 

Grund der Aufregung: Das legendäre Hochschulgelände auf dem Oberen Kuhberg in Ulm steht vor einem Umbruch. Nach Auszug der Universität, die das Gelände seit Schließung der HfG 1968 nutzte, gilt es, ein neues Konzept für die denkmalgeschützten Bauten von Max Bill zu finden. Die Stiftung HfG Ulm plant als Eigentümerin der Gebäude ab 2013 ein Drei-Säulen-Modell aus Tagungs-, Dokumentations- und „Innovationszentrum“. Doch als auf einer Konzeptpräsentation vor ehemaligen Hochschulangehörigen der HfG Worte wie „Designpark“ und „Exzellenz-Cluster“ fielen, schrillten die Alarmglocken. Auch Otl Aichers Sohn, der Architekt und Publizist Florian Aicher, betrachtet die Vorgänge mit zunehmender Sorge und plädiert für eine Nutzung der Gebäude durch Ausstellungen und Veranstaltungen zur HfG-Geschichte. Das Vorgehen der Stiftung, die mit dem Namen HfG Ulm um kommerzielle Mieter wirbt, bezeichnet er als „Geschäftlemacherei“: „Man darf sich nicht mit fremden Federn schmücken, sonst wird man schnell gerupft.“

Derzeit werden die ehemaligen Hochschulgebäude erst einmal saniert. Beauftragt ist der Ulmer Architekt Adrian Hochstrasser, der nach eigenen Aussagen quasi auf dem Kuhberg aufgewachsen ist. Doch sein Versuch, die Gebäude von Max Bill heutigen Energie- und Brandschutzverordnungen anzupassen, wird von Fachleuten scharf kritisiert. Es geht vor allem um die Entscheidung, für die großen Glasfenster der Hochschulgebäude, die ein Drittel der Fassade ausmachen, blau getöntes Isolierglas zu wählen: eine Art „Sonnenbrilleneffekt“. Mitglieder des Club off Ulm, einer Vereinigung von über 100 ehemaligen Hochschulangehörigen, versuchten Anfang Dezember, sich vor Ort einen Eindruck über die Sanierung zu verschaffen – und waren entsetzt. Der Bericht, den der niederländische Denkmalexperte Bertus Mulder nach dem Besuch in Ulm verfasste, spricht mit Blick auf die Isolierungsfenster von einem „Fiasko“. Mulder rät zum sofortigen Baustopp und zur Einsetzung einer externen Berater-Kommission, um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden. Auch Denkmalschützer Günter Kolb, der sich mit der Entscheidung für die Fenster zunächst einverstanden erklärte, spricht heute von einem „großen Fehler“.

Doch die Sorge um die denkmalgerechte Sanierung ist nur ein Teil des HfG-Dramas. Das Grundproblem liegt in der Trägerstruktur. Otl Aicher hatte mit Blick auf die NS-Zeit und das Schicksal der ihm freundschaftlich verbundenen Geschwister Scholl bei Gründung der HfG Ulm bewusst für Staatsferne plädiert. Heute jedoch führt die privatrechtliche Organisation der HfG-Stiftung dazu, dass keine Kontrollmöglichkeit über ihr Geschäftsgebaren besteht. Nicht nur, dass Stiftungsgeschäftsführer Dieter Bosch quasi allgegenwärtig ist. Auch andere Beteiligte treten in Mehrfachfunktionen auf. So ist Stiftungsvorsitzender Alexander Wetzig gleichzeitig Baubürgermeister von Ulm, Adrian Hochstrasser ist der Sohn des Achitekten und Ehrenvorsitzenden der HfG-Stiftung Fred Hochstrasser, der in den Siebzigern und Achtzigern den ersten Umbau der HfG-Gebäude verantwortete, und auch neue Mieter, die für das künftige Design-Zentrum gefunden wurden, sind eng mit der Stiftung verbunden. Und fast alle, Baubürgermeister wie Club-off-Ulm-Vorsitzende, Stiftungsgeschäftsführer wie ehemalige Hochschulangehörige, wohnen noch in Hochschulgebäuden auf dem Kuhberg. Man sieht sich täglich. Doch die ehemaligen Hochschulangehörigen vernünftig in die Planungen einzubeziehen, ist bis heute nicht gelungen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung damit, was die HfG Ulm für die Entwicklung der internationalen Designgeschichte bedeutet und wie ihre Philosophie in der Gegenwart fortgeschrieben werden könnte, findet nicht statt.

Die Auseinandersetzung ist eben keine Provinzposse von nur lokaler Bedeutung. Doch das Land Baden-Württemberg, das eine nicht geringe Mitschuld an der Schließung der HfG nach nur fünfzehn Jahren Lehrtätigkeit trägt, scheint sich seiner Verantwortung für das HfG-Erbe nicht bewusst. Es war Ministerpräsident Hans Filbinger, der 1968 durch Kürzung der HfG-Mittel zu deren Schließung beigetragen hatte – eine Entscheidung, die das Land Baden-Württemberg heute zu stärkerem Engagement verpflichten sollte. Auch in dem Offenen Brief der HfG-Freunde wird die Einrichtung einer öffentlichen Stiftung, die von Stadt und Land getragen wird, gefordert – noch gibt es keine Antwort. Nimmt man die Rolle der HfG als Weiterträgerin des Bauhaus-Gedankens ernst, wäre eine Kooperation mit der Dessauer Bauhaus-Stiftung naheliegend – und eine finanzielle Ausstattung, die ein inhaltlich relevantes Arbeiten ermöglicht. Denn das Thema HfG Ulm ist von nationaler Bedeutung, tatsächlich vergleichbar mit Bauhaus und Frauenkirche. Vielleicht führt der aktuelle Streit zumindest dazu, dass man sich dessen außerhalb von Ulm wieder bewusst wird. Es wäre höchste Zeit.