Didactic Home
Sommerschule 2012

Foto: Stiftung Bauhaus Dessau, "Didactic Home", Edgar Khandzratyan, 2012

Die Bauhäusler verstanden ihre Musterwohnungen auch als didaktische Räume, um die Nutzer an eine aus ihrer Sicht ädaquate Lebensweise in der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts heranzuführen. Die dabei entstandene Objekt- und Wohnkultur musste sich auch auf dem Markt bewähren. Dabei galt es Konsumenten und Produzenten für diese Vision zu gewinnen.

Heute scheint uns die Durchsetzbarkeit solcher generellen Wohnraumgestaltungen verbunden mit der Idee einer Formierung des Menschen fragwürdig. Zum möglichst individuellen Lebensstil gehört heute vor allem das eigene Heim. Zugleich sind die Folgen dieses Lebensstils so gravierend, dass die Umwelt eine solche Haushaltsführung nicht mehr erträgt. Brauchen wir also wieder ein Didactic Home? Eignet sich das Zuhause, das eigene Heim für das Einüben anderer Lebensweisen?

Ausgehend von den didaktischen Entwürfen einer Wohnkultur des Bauhauses wird sich die internationale Sommerschule 2012 mit diesen Fragen beschäftigen. An Originalschauplätzen werden in vier Workshops Fantasien und Ausstattungen für „New Didactic Homes“ entworfen.

Workshops und Studioleiter

In vier Entwurfsstudios werden die Teilnehmer der Internationalen Sommerschule an den Themen Konsumentenerziehung, gemeinschaftliches Wohnen, Smart Living und Leben als Prosumenten arbeiten. Studioleiter sind internationale Architekten, Künstler und Designer.

W O R K S H O P   I :   E D U C A T I N G   C O N S U M E R S

Workshop I unter Leitung von Evert Ypma (Designtheoretiker, Zürich/Amsterdam) suchte ausgehend vom Vorbild der Vermarktung des Direktorenhauses von Walter Gropius nach neuen Strategien für die Wohnrealitäten des 21. Jahrhunderts. Bilder, Narrative und Geschichten spielten im Kontext des Konsumproduktes Wohnung eine wichtige Rolle. Ausgehend von der Bedeutung der Phantasie bei der Herstellung des "Zuhauses" hinterfragte der Workshop die konsumentenerzieherischen Ansätze der Moderne ebenso wie die Praxis des Entwurfs vom Wohnen als Konsumprodukt. Mit kontroversen und multiplen Szenen, Projektionen und Bildern wurden Vorschläge für das Wohnen-Lernen, für ein New Didactic Home, in einer postfossilen Kultur unterbreitet.

W O R K S H O P   I I :   C O – H O U S I N G

Dieser Workshop erforschte den extrem standardisierten DDR-Massenwohnungsbau am Beispiel des Typs WBS 70 nach neuen Möglichkeiten des Wohnens in Solidargemeinschaften und die Ausstrahlungskraft solcher Modelle. Im Rahmen des Workshops wurden das Modell des Wohnens für den "sozialistischen Menschen" sowie die damit verbundenen ideologischen, sozio-ökonomischen und kulturellen Konzepte reflektiert. Auf dieser Grundlage wurden Vorstellungen und Gestaltungsvorschläge für den Umgang mit dem wohnungsbaulichen Erbe der sozialistischen Moderne ausgearbeitet, um Gestaltungslösungen für ein zukunftsfähiges, d. h. klima- und sozialgerechtes Wohnen in solchen Gebäuden zu entwickeln.

Für die Leitung des Workshop II Co-Housing konnten wir Alexander Römer von exyzt.collective aus Paris und  Christof Mayer vom Raumlabor Berlin gewinnen.

W O R K S H O P   I I I :   D W E L L I N G   M A C H I N E

"Dwelling Machine" entwickelte unter Leitung von Ben Hooker (Art Center College of Design, Pasadena) das unvollendete fordistische Wohnmodell der Bauhaus-Mustersiedlung Dessau-Törten weiter zum Smart-Living. Die gestalterische Bearbeitung der Ideen des "Smart Living" benötigt die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis moderner Technologien für das klimabewusste Wohnen und den hohen individuellen Qualitätsansprüchen. Die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner und die Faszination der Techniker von den Möglichkeiten technisch unterstützten Wohnens sind gestalterisch in Übereinstimmung zu bringen.

W O R K S H O P   I V :   P R O S U M E R

Workshop IV widmete sich unter Leitung von Ton Matton (Werkstatt Wendorf) am Beispiel der Dessauer Modellsiedlung Knarrberg von Leberricht Migge und Leopold Fischer neuen, zeitgemäßen Lebens- und Wohnformen als Selbstversorger. Als Prosumer sind die Protagonisten Produzenten und Konsumenten ihrer eigenen Wohnumgebung und deren Ausstattungsgegenstände. Ziel des Workshops war es, über die Gestaltung von Prozessen und Gegenständen einen Pfad zwischen verordneter Sparsamkeit und lustvoller individueller Lebensgestaltung eröffnen.

Public lectures

Öffentliche Vorträge, Diskussionen und weitere Veranstaltungen begleiteten die Internationale Bauhaus Sommerschule. Bei den Public Lectures zu Beginn der Sommerschule wurde der Öffentlichkeit ein Überblick zur Thematik gegeben. Victor Buchli (University College London / Bartlett / Victoria ans Albert Royal College) erklärte, wie sich die Moderne in Architektur und Innenarchitektur manifestierte, wohin diese "Konsumenten-Erziehung" führte und welchen Herausforderungen wir uns heute stellen müssen. Susan Imgrund beschrieb die Rolle von Marketing und Kommunikation bei der Thematik "Didactic Home". Guy Julier (Univeristy of Brighton) diskutierte das Verhältnis von Design-Kultur und Konsumgesellschaft sowie dessen Konsequenzen und Emily Pilloton (Project H Design) sprach zu Design als einem gemeinschaftlichem Prozess.

Präsentation der Ergebnisse

Die Stiftung Bauhaus Dessau präsentierte die Ergebnisse von „Didactic home“ am letzten Oktoberwochenende (26.- 28.10.2012) bei dem internationalen Design-Festival Designers’ Open in Leipzig. Themen, Arbeitsprozesse und Ergebnisse der Sommerschule wurden in einer Kiosk-Installation in Text, Bild, Film und Ton gezeigt. Begleitend wurde Besuchern der Designers’ Open eine Wohnberatung angeboten. Das renommierte Festival zählte mehr als 13.000 Besucher.

Gefördert durch

Foto: Stiftung Bauhaus Dessau, "Didactic Home", Edgar Khandzratyan, 2012