Präzision der Unschärfe – Wie die Meisterhäuser Gropius und Moholy-Nagy neu entstehen sollen

Das Dessauer Meisterhausensemble verlor durch den Krieg das Haus Gropius und das Haus Moholy-Nagy. In den vergangenen Jahren unternahm die Stadt Dessau-Roßlau mehrere Anläufe, die Siedlung wieder zu vervollständigen; doch über die Frage, ob das originalgetreu zu geschehen habe oder nicht, kam es immer wieder zum Streit. Im Frühjahr 2010 gelang mit einer veränderten Ausschreibung, einem anderen Verfahren und einer neuen Jury unter Mitwirkung des britischen Architekten David Chipperfield der Durchbruch. Das Berliner Büro Bruno-Fioretti-Marquez beflügelte mit einem ganz eigenen Entwurf die Rekonstruktionsdebatte. Wir sprachen mit den Architekten Donatella Fioretti und Josè Gutierrez Marquez über die Natur des Erinnerns mit den Mitteln von heute.

Mit Ihrem Entwurf konnte ein jahrelanger Streit beendet werden. Wie nähern Sie sich den Bauten der Moderne?

Es gibt wohl nur noch wenige, die das Direktorenhaus und das Haus Moholy-Nagy aus eigener Anschauung kennen. Eigentlich sind uns die Bauten nur durch historische Dokumente bekannt: Zeichnungen, Pläne, Modelle und Fotos. Gerade die Aufnahmen von Lucia Moholy haben das kollektive Gedächtnis am tiefsten geprägt. Die Reflexion über die Natur des kollektiven Gedächtnisses, über die Natur des Erinnerns selbst, hat uns zu den Arbeiten von Thomas Demand, Hiroshi Sugimoto und den Überlegungen von Stanislaw Lem und Jorge Luis Borges geführt. Demnach haben wir das Prinzip der Unschärfe als Komponente des Erinnerns verstanden und zum Kernbegriff unseres Entwurfs gemacht. Im Ensemble der Meisterhäuser war eine Reparatur unausweichlich. Die Ersatzteile sollen dem Betrachter die Wahrnehmung des Ensembles so ermöglichen, wie es ursprünglich konzipiert war. Gleichzeitig sollen sie ihn in die Lage versetzen, zwischen Bestand und Reparatur zu unterscheiden. Rekonstruktion war keine Alternative, da sie nicht nur die Unterschiede der architektonischen Ursprünge verwischt hätte, sondern auch, wie jede Kopie, die Legitimität des Originals in Frage stellen würde. Wenn wir rekonstruieren, wird das Erinnerte in eine Art künstliches Koma versetzt. Die Erinnerung und ihre Beziehung zu dem nicht mehr Abwesenden verblassen schnell. Uns war klar, wie fragil ein konzeptuelles Gleichgewicht zwischen der Reparatur und dem Erhalten von Erinnerung ist.

Was bedeutet das praktisch für Ihren Entwurf?

Der Entwurf sollte die Aufgabe einer Reparatur durch die exakte Wiedergabe der Hülle der Vorgängerbauten und ihrer opaken und transparenten Teile erfüllen. Die Erkennbarkeit von Bestand und Neuem wird durch die Wahl von Material und Textur und durch die drastische Reduktion von Details gesichert. Wir sprechen von einem sanften Übergang, der den Kontrast lieber durch leises „understatement“ als durch laute Proklamation sucht. Wir glauben, dass die Kombination dieser beiden Strategien es dem Betrachter ermöglicht, die Architektur von Walter Gropius zu evozieren. 

Und welche Materialien verwenden Sie dafür?

Die Unschärfe, die, wie Demand und Sugimoto uns lehren, die formale Abstraktion und den Materialkontrast unterstützt, ermöglicht uns eine zeitgenössische Architektur. Gleichzeitig bleibt die Verbindung zur Erinnerung bestehen. Wir werden mit gegossenem Beton arbeiten, die Fenster sollen aus Kunstharz sein, die Innenräume eine Ständerwerkkonstruktion aus Holz erhalten. In diesem Zusammenhang haben wir auf die neue Nutzung zu achten: Haus Gropius wird zum Entree der Siedlung und zum Anlaufpunkt für Besucher, Haus Moholy-Nagy zum neuen Kurt-Weill-Zentrum mit einem Veranstaltungsraum für Konzerte und Vorträge und einer Bibliothek.

Rechnen Sie mit Kritikern, die Ihre Vorstellung von der unscharfen Erinnerung nicht teilen und gleich mit der Dresdner Frauenkirche kommen?

Natürlich wird es die geben. Die Vergangenheit lässt sich aber nicht zurückholen. Und wir glauben, dass sich Dresden und Dessau nicht vergleichen lassen. Rekonstruktion war in Dessau keine Option. Wir versuchen unseren Verpflichtungen gegenüber dem Ensemble und der Erinnerung mit den Mitteln von heute entgegenzukommen. Jeder soll in unserem Entwurf sehen, wo Gropius aufhört und wir anfangen. Insofern wird die Erinnerung durch unsere Handschrift neu codiert.

  • Die Fragen stellte Ingolf Kern

Diesen Artikel teilen: