Kibbuz und Bauhaus – Ausstellung über Kollektivbauten 2011

In einer großen Ausstellung vom 25. November 2011 bis zum 28. Mai 2012 zeigte die Stiftung Bauhaus Dessau erstmals, wie ehemalige Bauhäusler maßgeblich an der modernen Kibbuz-Architektur in Palästina/Israel mitgewirkt haben.

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Kibbuz, diese weltweit einmalige Form kollektiven Zusammenlebens hat ihren Ursprung in der europäischen Jugendbewegung und der zionistischen Vision junger Juden auf eine neue, eigene Existenz im gelobten Land. Ausgebildet in Europa für die schwere Pionierarbeit zur Urbarmachung des Landes, zogen sie in Migrationswellen nach Palästina. Unter diesen Bedingungen wurde vor 100 Jahren in Degania der erste Kibbuz gegründet. Das Motto des Kollektivs lautet: „Jeder gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen.“ Die Einführung der Ausstellung zeichnet die Utopien und Realitäten dieser Entwicklung anhand von konkreten Kibbuzim auf.

Junge Architekten und Planer wie Richard Kauffmann und Samuel Bickles brachten die Ideale und Methoden des Neuen Bauens aus Europa nach Palästina und prägten nachhaltig die Planung und Formensprache der Kibbuzim. Ein neues Bauen für den neuen Israeli im neuen Land. Umgekehrt zog es in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre werdende Architekten wie Arieh Sharon und Shmuel Mestechkin für ihre weitere Ausbildung von Palästina zurück nach Europa. Sie gingen an das Bauhaus in Dessau. Die Ideale des Kibbuz’ und des Bauhauses fanden zu einer einmaligen Synthese. Andere junge Bauhäusler wie der Architekt Munio Weinraub gelangten auf der Flucht vor der NS-Verfolgung nach Palästina. Anhand von ausgewählten Biografien werden in der Ausstellung die Lebenswege der Bauhäusler zwischen Europa und dem Orient aufgezeigt.

Der dritte Teil der Ausstellung stellt anhand von Bild- und Planmaterial sowie Möbeln vor, wie die moderne Planung und Architektur dem sozialistischzionistischen Gesellschaftsmodell des Kibbuz bauliche Gestalt gibt. Grundlage für diesen Teil der Ausstellung ist der israelischen Beitrag „Kibbutz – An Architecture without Precedents“ für die Architekturbiennale 2010 in Venedig.

Heutzutage ist die bauliche und ideelle Zukunft des Kibbuz durch die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Ansprüche persönlicher Lebensstile unsicherer den je. Einblicke in diese Transformationsprozesse aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln geben am Schluss der Ausstellung Interviews mit Menschen vor Ort.

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Die Ausstellung im Bauhaus Dessau, die am 24. November 2011 eröffnet wurde, und unter der Schirmherrschaft des israelischen Botschafters Yoram Ben-Zeev und des deutschen Kulturstaatsministers Bernd Neumann stand, zeigte die enge geistige Verwandtschaft zwischen der Kibbuz- und der Bauhausidee. Zu sehen waren Dokumente, Pläne und Fotografien sowie Interieurs, die eindrucksvoll die Kibbuzplanungen nachzeichnen. Zusätzlich war die Arbeit „Beyond Eden“ zu sehen sein: Die Fotografin Stephanie Kloss und die Politikwissenschaftlerin Antonia Blau haben über 40 Kibbuzim fotografiert und ihre Bewohner interviewt. Dort fanden sie ein fragmentiertes Bild einer zementierten Gegenwart, einer utopischen Vergangenheit und einer kollektiv-brüchigen Identität.

Im Meisterhaus Muche/Schlemmer war anlässlich der Ausstellung die Filminstallation „Traces“ des israelischen Filmemachers Amos Gitai zu sehen. Grundlage dafür war Gitais Film „Lullaby to my Father“ über seinen Vater Munio Weinraub, der am Bauhaus studierte und 1934 nach Palästina emigrierte. Im Zentrum stehen Weinraubs Lebensstationen vom jüdischen Schtetl in Galizien über Berlin und Dessau, Frankfurt und Zürich bis nach Palästina. Wie immer in seiner Arbeit befasst sich Amos Gitai auch in „Traces“ mit den Themen Migration, Kultur, Exil und Gewalt.

Die Ausstellung „Kibbuz und Bauhaus“ war eine Koproduktion der Stiftung Bauhaus Dessau mit der Bezalel Academy of Art and Design Jerusalem und dem Museum of Art in Ein Harod. Sie wird unterstützt von der Friede Springer Stiftung Berlin, der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt und der Lotto Toto GmbH


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