Das Europa Viertel als "auf Hochglanz geputztes Sicher-Sauber-Gebiet",
das benachbarte Gutleutviertel als "Eat the Rich-Themenpark der grausamen
Wirklicheit". Was passiert, wenn place making-Strategien - ein beliebtes Werkzeug
von Schöpfern urbaner Erlebniswelten - SUBVERSIV angewendet werden? Wie
wird sich das zukünftige Europa Viertel zu seinen Nachbarn verhalten?
Die Gruppe artsuppport - drei Künstler und New Entrepreneurs - denken
eine Zukunftsvision an.
"Wir wissen natürlich, was in den nächsten fünf
bis zehn Jahren da drüben [geplantes Europaviertel] geschehen wird. Solche
Sachen sind schon sehr appetitanregend für uns. Was wir daraus machen,
wird sich zeigen, aber ich könnte mir vorstellen, dass das Gutleutviertel
so eine Art Spiegelbild zu dem da drüben werden könnte. So was in
der Art wie in diesem Film Eat The Rich. Drüben Hochglanzfassaden, teure
Büroflächen, klassisches 'Urban Entertainment' und hier der Reiz
der grausamen Wirklichkeit" (Christoph Pollak, artsuppport, Interview im April
2001).
Die Zukunftsvision, die artsuppport - drei Künstler, die
im Frankfurter Gutleutviertel arbeiten - von ihrem Quartier entwickeln, orientiert
sich an einem Film, der Sozialkritik und äußerst schwarzem
Humor verbindet. Die Geschichte dreht sich um den Kellner Jerry, der aus
dem nobel-dekandenten "Feinschmeckerlokal" Bastards geworfen wird. In seiner
Obdachlosennot wird er zum Rächer der Armen, erzwingt mit Waffengewalt
Arbeitslosengeld vom Arbeitsamt und gründet eine Rebellengruppe, mit
der er den Kapitalismus zerschlagen will. Jerry und seine Kumpels erobern
das Lokal, töten die Besitzer und einige Gäste und eröffnen
es wieder unter dem Namen Eat The Rich. Gleich der erste Abend scheint ein
voller Erfolg zu werden, die Reichen sind nämlich der Meinung, dieses
Lokal sei der neueste Schrei, weil man da beschimpft und geschlagen wird und
angeblich Menschenfleisch
zu essen bekommt, was natürlich als Witz angenommen wird. Doch als herauskommt,
daß wirklich Menschenfleisch serviert wird und man gerade den Premierminister
verspeist hat, beginnt die Jagd auf Jerry und seine Kumpanen...
Nimmt man das Bild von "Eat the Rich" (vielleicht nicht wörtlich,
aber doch) ernst, dann kann man darin eine subversive Anwendung sogenannter
place making-Strategien lesen. "Place making" ist ein Begriff, der in aktuellen
Debatten um die zeitgenössische Stadt gerne zitiert wird. Die Einsicht,
dass sich Orte heute offensichtlich nicht mehr aus einer Einheit von Geographie,
Geschichte und lokaler Kultur konstituieren (Stichwort: Globalisierung), führte
zunächst zur Behauptung vom Verschwinden der Orte (Marc Augé).
"Place making" ist eine Antwort auf diese Entwicklung. Durch das gezielte
Inszenieren von Geschichten und Themen für Orte sollen diese eine neue,
nicht mehr in der spezifisch lokalen Kultur verwurzelte Identität erhalten.
Die Ergebnisse sind bekannt: Themenparks, Verknügungszentren, Disneyworld.
Was passiert aber nun, wenn man diese Strategie subversiv anwendet? Was passiert,
wenn das Gutleut zum "Eat the Rich-Themenpark der grausamen Wirklichkeit"
wird? Kann die "Wirklichkeit" mit ihrer sozialen Ungleichverteilung ein Themenpark
sein? Und vor allem: wie würde der aussehen?
artsuppport I More
Art From International
Artists I
Kurzform:
M.A.F.I.A.
artsuppport gibt es seit Juli 2000. Die Gruppe besteht aus dem Franzosen Charles
(26) und den Brüdern
Christoph
(28) und Stefan (27), zwei Halbfranzosen. Alle drei bewegten sich in den 80er
Jahren im teilweise illegalen subkulturellen Bereich der Graffi- und Breakdanceszene,
womit die Abkürzung M.A.F.I.A. im Untertitel spielt.
Mit dem Ziel ihr in den letzten Jahren hauptsächlich im legalen Bereich
(z.B. Auftragsgraffiti) verankertes kreatives Tun zu professionalisieren und
vom "Underground Move" abzuheben, gründeten sie eine Firma. Damit verbunden
war sicherlichlich auch die Hoffnung, die Tätigkeit, die ihnen seit Jahren
SPASS bereitet, letztendlich ökonomisch in Wert zu setzten, zumal sie
eine Nachfrage nach ihren "Produkten" vermuteten.
Die Bandbreite ihres Angebots reicht von
Flyern
über Zeitschriften und Plakate bis hin zur Gestaltung von Webseiten.
Kunden sind neben dem Frankfurter Gutleutmarkt ein großes Pharmaunternehmen,
das seine Medikamente mit Hilfe von
Comics,
die artsuppport produziert, erklärt. Die drei jungen Männer verstehen
sie sich nicht als Werbefachleute oder Graphikdesigner, sondern als Künstler.
Die Dienstleistung, die sie anbieten, sehe ich als Schnittstelle zwischen
den visuelle Codes des "Underground Moves" und den Geschäftsinteressen
etablierter Unternehmen; sie bezeichnen sie als "künstlerische Unterstützung
- artsuppport". Wie der Name schon sagt. "suppport" geschrieben mit drei P,
oder wie sie es - ganz im Stil eines Werbeslogans - formulierten "mit einem
starken Buchstaben mehr".
Tabouli <Salat, aus Nordafrika stammend>

Gutleutviertel. Im Norden wird das Gutleutviertel durch die Gleisanlagen des
Hauptbahnhofes begrenzt, im Osten durch die Hauptverkehrsstraße Baseler
Straße - Friedensbrücke, im Westen durch das Heizkraftwerk und
die Autobahn und im Süden durch die Westhafenbetriebe und den Main.

Die Nähe zur Innenstadt, zum Bankenviertel, zur Messe, zum Bahnhof und
die günstige Verkehrsanbindung zum Flughafen machen das Viertel für
Investoren interessant und lukrativ. Dies zeigte sich u.a. Ende der 80er Jahre
im berühmten Investorenstreit um den Campanile, der an der Südseite
des Hauptbahnhofs als das höchste Hochhaus Europas geplant war. Neben
rechtlichen Mängeln verhinderte das komplizierte deutsche Nachbarschaftsrecht
in Verbindung mit der engagierten Guleutbewohnerin Hannelore Kraus den Bau
des Büro- und Hotelturms. Kraus - unmittelbare Nachbarin der beplanten
Liegenschaft - unterzeichnete trotz eines Millionenangebots(!) die gesetzlich
vorgeschriebene Nachbarinzustimmung nicht. Der Campanile wurde nie gebaut.

Heute leben im
Gutleutviertel
(gutleutstrasse3.jpg) knapp 6000 Menschen. Der Ausländeranteil ist nach
dem Bahnhofsviertel (63%) mit 52% im Gutleut am zweithöchsten in Frankfurt.

Außerdem gibt es im Gutleut überdurchschnittlich viele junge Menschen
aber auch überdurchschnittlich viele Arbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen,
GelegenheitsjobberInnen, Großfamilien sowie niedrig- bzw. unqualifizierte
ArbeiterInnen. Die Alltagsinfrastruktur ist äußerst schlecht: Im
ganzen Viertel gibt es keinen Supermarkt und nur einen allgemeinpraktizierenden
Arzt.

artsuppport suchte sich das Gutleutviertel trotz der infrastrukturellen Nachteile
sehr bewußt als "Standort" aus. Ausschlaggebend waren neben der bezahlbaren
Miete für die Geschäftsräume und der Frankfurter Postleitzahl
("globale Geschäftsinteressen") eine besondere Lebensqualität, die
durch viele kleine Lebensmittelgeschäfte nordafrikanischer Immigranten
geprägt ist: "Ich habe sechs Jahre meines Lebens in arabischen Ländern
gelebt. Wenn ich heute durchs Gutleutviertel laufe, dann gehe ich hier von
Laden zu Laden und freue mich alle zwei Meter. Ich fühle mich einfach
wohl in dieser Kultur, die mir so gefällt und die ich so schätzen
gelernt habe ..." (Christoph Pollak, artsuppport, Interview im April 2001).
Sushi <jap.: Kombination aus rohem Fisch und Reis
mit feinen Zutaten>

Europa Viertel (aus Sicht des Projektentwicklers vivico): "Herzstück
des Europa Viertels wird das
UEC
(Urban Entertainment Centre) (europaviertel.tif). Es verkörpert die
moderne Version eines europäischen Marktplatzes - Großstadtflair
und lebendige Stadtteilkultur gehen eine pulsierende Mischung ein.

Es besteht maßgeblich aus zwei Hochhäusern und einem ovalen Marktplatz.
Auf einer Bruttogeschossfläche von 267.000 Quadratmetern werden hier
Wohnungen, Designerboutiquen, Cafés, Bars und Restaurants, Wellness-
und Fitnesscenter, Kinos, Musikklubs, Discotheken und ein Hotel entstehen.

Die direkte Nachbarschaft zur Messe, fünf Minuten Fußweg zum Hauptbahnhof
und zum Bankenviertel, 15 Kilometer zum Flughafen und der Anschluss an Autobahn
und öffentliche Verkehrsmittel garantieren kurze Fußwege und schnelle
Anbindung" (
www.vivico.de/de/
Projekte/uec.htm)
Then
play
the game. Das folgende Pac Man-Spiel visualisiert die Culture Jamming
Version von "eat the rich". Culture Jamming basiert auf Guy Débords
Idee des "Détournement", einem Bild, einer Nachricht oder einem Objekt,
das aus seinem ursprünglichen Kontext herausgelöst in einem neuen
Kontext eine andere (meist gegensätzliche) Bedeutung erhält.
Als Grundlage diente die Pac Man-Flashversion von www.flashplanet.com