Marcel Breuer – Design und Architektur: Ausstellung 2012

Die Ausstellung „Marcel Breuer: Design und Architektur“ , die vom 1. Juni bis zum 31. Oktober 2012 im Dessauer Bauhausgebäude zu sehen war, zeigte erstmals beide Schaffensbereiche des Designers und Architekten gleichberechtigt. Die vom Vita Design Museum konzipierte Schau wurde mit wichtigen Stücke aus der Dessauer Sammlung erweitert. 

Marcel Breuer (1902-1981) gehört als Designer und Architekt bedeutendsten Gestaltern des 20. Jahrhunderts. Bereits als junger Student am Bauhaus in Weimar tat sich der gebürtige Ungar mit einigen, von der niederländischen De-Stijl-Gruppe inspirierten Möbelentwürfen hervor. Im Alter von nur 23 Jahren gelang ihm 1925 die als revolutionär zu bezeichnende Entwicklung seiner Stahlrohrmöbel, die als sein zentraler Beitrag zur Designgeschichte gilt. Breuers Stahlrohr-Entwürfe – wie etwa der berühmte Wassily-Sessel, der Bauhaus-Hocker oder die diversen Freischwinger – stehen, vergleichbar nur mit Wagenfelds legendärer Tischleuchte, beispielhaft für eine ganzen Epoche. Sie haben, millionenfach kopiert, längst ihren festen Platz unter den großen Klassikern der Moderne. Doch nicht nur den Möbeln aus Stahlrohr hat Breuer zum weltweiten Durchbruch verholfen. Auch mit den in den Dreißigerjahren entworfenen Möbeln aus Aluminium und verformtem Schichtholz schrieb er Designgeschichte und inspirierte nachfolgende Designergenerationen. Kaum weniger bedeutsam erscheinen aus heutiger Perspektive die legendären Inneneinrichtungen Breuers. Man denke etwa an die Ausstattungen des Bauhausgebäudes und der Meisterhäuser in Dessau (1925/26), an die Wohnung des Theaterregisseurs Erwin Piscator in Berlin (1927), aber auch an die späteren, in England und Amerika realisierten Interieurs.

Mochte sich Breuer innerhalb von nur wenigen Jahren vom Bauhausschüler zu einem in der gesamten europäischen Avantgarde beachteten und geschätzten Möbeldesigner und Inneneinrichter entwickelt haben, seinem Selbstverständnis nach wollte er in erster Linie Architekt sein. Spätestens seit Mitte der Zwanzigerjahre begriff er das Bauen als das eigentliche Ziel seiner beruflichen Tätigkeit. Nach schleppenden Anfängen in Europa und (ab 1937) in den Vereinigten Staaten, die vor allem der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg geschuldet waren, belebte sich seine Karriere als Architekt seit Mitte der Vierzigerjahre. Sein New Yorker Büro profilierte sich zunächst mit Einfamilienhäusern. Wenig später konnte Breuer aber auch zahlreiche prestigeträchtige Großprojekte realisieren, darunter die UNESCO-Zentrale in Paris (1952-58 zusammen mit Nervi und Zehrfuss) oder das Whitney Museum of American Art in New York (1964-66). Zu seinem Markenzeichen entwickelte sich sein skulpturaler Umgang mit dem Material Beton, das er vor allem wegen seiner Formbarkeit und Massivität schätzte. Er nutzte die konstruktiven Möglichkeiten für außergewöhnliche Raumschöpfungen, unter denen vor allem seine Kirchenbauten Beachtung verdienen. Auch zur variantenreichen plastischen Durchbildung seiner Rasterfassaden setzte er dieses Material ein, wobei es ihm gelang, das Formenvokabular der modernen Architektur zu erweitern und zu verfeinern. Bis 1976, als er sich krankheitsbedingt aus dem Berufsleben zurückzog, zählte Breuer zu den prominentesten Figuren der westlichen Baukunst.

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W I C H T I G E   E X P O N A T E   A U S   D E R   D E S S A U E R    S A M M L U N G

Die vom Vitra Design Museum konzipierte und organisierte Retrospektive auf das Werk von Marcel Breuer ist die erste Ausstellung überhaupt, in der die verschiedenen Schaffensbereiche gleichberechtigt berücksichtigt sind. Für die Präsentation im Bauhaus wurde ein Großteil der originalen Exponate aus der Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau integriert. Außerdem waren wesentliche Raumausstattungen Breuers zu sehen, die heute zum Weltkulturerbe gehören, darunter – als Nachbildung – die Klappbestuhlung in der Bauhaus-Aula und die Ausstattung der Bauhaus-Kantine. Zu den herausragenden Stücken der Dessauer Sammlung gehören die verschiedenen Entwicklungsstufen des Clubsessels, den Breuer in Dessau entwarf und der später als „Wassily“-Chair Berühmtheit erlangen sollte. Bis dahin selten zu sehen waren der „Toilettentisch der Dame“ und der große Vitrinenschrank aus dem Haus Am Horn in Weimar. Damit besitzt die Stiftung zwei der wichtigsten frühen Einzelmöbel von Breuer, die jahrzehntelang als verschollen galten und erst vor wenigen Jahren wieder aufgetaucht waren. Einen besonderen Schwerpunkt legte die Ausstellung auf die Dessauer Zeit Breuers. Hier entstanden Mustermöbel für die ersten Wohnhäuser in der Siedlung Törten, der Toilettentisch für die Fotografin Lucia Moholy im Meisterhaus Moholy-Nagy sowie Unikate für die Dessauer Dienstwohnung des anhaltischen Landeskonservators Ludwig Grote, der maßgeblich an der Übersiedlung des Bauhauses von Weimar nach Dessau beteiligt war. Gezeigt wird auch ein Hängeschrank, den Breuer für eine weitere Dessauer Privatwohnung geschaffen hatte.


B R E U E R S   M A T E R I A L I E N

Unter der Überschrift „Materialien“ dokumentierte die Ausstellung Breuers Design in chronologischer Reihenfolge. Sie stützte sich dabei auf die Tatsache, dass er bei seinen Möbelentwürfen nacheinander mit vier verschiedenen Werkstoffen, nämlich Massivholz, Stahlrohr, Aluminium und Sperrholz arbeitete. Zu Breuers wichtigsten Massivholzmöbeln zählen der Lattenstuhl (1924), die Kindermöbel (1923) und der bereits erwähnte Toilettentisch der Dame aus dem Haus Am Horn in Weimar (1923). Sämtliche Stücke stammten aus der Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau. Sie zeigen eine bemerkenswerte Kontinuität in der Entwicklung des modernen funktionalen Wohnraummöbels. Bei den Stahlrohrmöbeln wurde anhand von vielen Originalstücken aus den Sammlungen der Stiftung Bauhaus Dessau und des Vitra Design Museums deutlich, wie schnell Breuer die gestalterischen Möglichkeiten eines Materials erfasste und auf fast schon systematische Weise auslotete. Die Übertragung des Freischwingerprinzips vom Stahlrohr auf Aluminium zeichnet Breuers Arbeit mit diesem, in der Möbelherstellung bis dahin kaum genutzten Material aus. Ein weiteres Meisterstück gelang ihm mit der wörtlichen Übersetzung der Aluminiumliege in das Material Sperrholz, die den Anfang einer intensiven Beschäftigung mit diesem Werkstoff markierte. 


D I E   A R C H I T E K T U R

Bei der Darstellung von Breuers architektonischem Werk setzte die Ausstellung auf verschiedene Präsentationsarten. Im Mittelpunkt standen zwölf eigens für die Ausstellung angefertigte Modelle, von denen aus Platzgründen jedoch nicht alle gezeigt werden konnten. Thematisch geordnet unter die Rubriken „Häuser“, „Räume“ und „Volumen“ und ergänzt durch Skizzen, Planzeichnungen sowie zahlreiche Fotografien vermittelten sie ein plastisches Bild von Breuers Architektur. Jedes Modell dokumentiert nicht nur ein Hauptwerk (darunter etwa die Häuser Breuer I und II, das Whitney Museum und die spektakulären Kirchenbauten) sondern steht zugleich stellvertretend für eine grundrisstechnische, konstruktive oder formale Lösung, die Breuer in zahlreichen weiteren Bauten anwandte. Auf konzentrierte Weise gelang es der Ausstellung somit, der Vielfalt und dem Umfang von Breuers architektonischer Leistung gerecht zu werden. Unter der Überschrift „Motive“ zeigte die Retrospektive schließlich zentrale Elemente von Breuers Entwurfsvokabular auf, die gleichsam als Klammer zwischen den verschiedenen Schaffensbereichen begriffen werden können. So taucht etwa das Motiv der Auskragung bereits in frühen Möbelentwürfen auf, um in den folgenden Jahrzehnten in vielen seiner Bauten immer wieder neu interpretiert und inszeniert zu werden. Ähnliches lässt sich von horizontalen Bändern bzw. liegenden Rechtecken sagen, die als markantes gestalterisches Element vielen seiner Möbel, seiner Interieurs und seiner Gebäude ihr charakteristisches Gepräge verleihen. Auch Breuers auffallendes Interesse an Texturen darf als Klammer von Design und Architektur gelten, wohingegen sich die fast schon kubistisch anmutende kristalline Formensprache, die viele seiner Beton-Bauten auszeichnet, erst in den 1950er Jahren entwickelte. Seither aber darf sie als sein Markenzeichen gelten.


P U B L I K A T I O N E N   U N D   B E G L E I T P R O G R A M M

  • Begleitend zur Breuer-Ausstellung gab die Stiftung Bauhaus Dessau 2012 zwei Publikationen heraus: Das Bauhaus Taschenbuch 4 "Marcel Breuer: Designer und Architekt", mit u.a. Originaltexten des Jahrhundertgestalters und die Ausgabe 3 der Zeitschrift "bauhaus", die sich den Dingen, ihrem Wesen und ihrer Gestaltung widmet. 
  • Ein umfangreiches Programm mit Kuratorenführung, Familienworkshops, Vorträgen und dem Breuer-Dinner begleitete die Schau. 

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