Record Dances – Installative Tanzperformance 2008

Kennzeichnendes Merkmal der Neuzeit ist, so Peter Sloterdijk, „nicht so sehr die Entdeckung unbetretener Räume“, sondern vielmehr „die Erschließung von erweiterten Operationsräumen mittels neuer Verfahren.“

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„record dances: Maßnahme 01“ war eine installative Tanzperformance, in der die formale Anschauung des Raumes auf die Spitze getrieben und mit Leib und Technik Maß genommen wurde. Tänzer und Tänzerinnen untersuchten vom 22. September bis 18. Oktober 2008, wie die Raumgeometrien den eigenen Körper ein- und ausschließen, sie rückten aber auch dem Raum zu Leibe mit einer Reihe modernster und mitunter skurriler Vermessungs- und Aufzeichnungsgeräte, um Methoden zu erfinden, mit denen sie sich neue Räume im Raum und damit neue Sinngefüge bauen können. Musiker entdeckten Klangstrukturen, sammelten Töne und Rhythmen von stummen Oberflächen, liessen Echos wandern und verwandelten nach und nach die akustische Infrastruktur des Raumes.

Im Aufnehmen bauten sich abstrakte Raumklangbilder auf, die gesammelten Daten konstruierten imaginäre Modelle aus Bewegungen, Bildern und Tönen, die mit der nächsten Messung schon wieder im Nichts zerfallen.

Die Performance erforschte damit das Spannungsfeld zwischen der physischen Realität von Masse, Volumen, Material und dem Ideal eines freien Vorstellungs-Raumes… zwischen dem Bedürfnis, Objektivität herzustellen und der Unvermeidbarkeit subjektiver Wahrnehmung: Daten auszuwählen, zu interpretieren, zu übersetzen.


Die traditionelle Trennung von Akteuren und Zuschauern wurde durch die völlig geöffnete Raumsituation aufgehoben: Der Aufführungsraum streckte sich vom Foyer, über die Zuschauerreihen bis in die hinter der Bühne liegende Mensa des Bauhauses und war sowohl für die Akteure als auch die Zuschauer zugänglich. „record dances“ dynamisierten somit die Wahrnehmungsdisposition aller Anwesenden, die als Teil des ästhetischen Prozesses behandelt wurden und diesen mit beeinflussten.

Oberflächen und Rhythmen des Raumes wurden in Bewegungen, Bilder und Töne übersetzt, um Strukturen begreif- und gestaltbar zu machen. Zu erleben war eine unabschließbare, immer wieder neue Formen hervorbringende Suche nach dem Geheimnis des Raumes.

Eine Produktion des Bühnenstudios der Stiftung Bauhaus Dessau

  • Konzept, Regie: Torsten Blume
  • Musikalische Leitung: Shintaro Imai
  • Dramaturgie: Anna Volkland
  • Performer: Jonathan Buckels, Ixchel Mendoza Hernandez, * Silvana Suárez Cedeno, Michael Schnitzler, Julia Schröder Percussion: Sebastian Flaig, Jakob Thomser
  • Grafik: Anna Lena von Helldorf
  • Technik: Michael Fink, Christoph Kunze
  • Projektassistenz: Swetlana Kibke, Anne Wagner
  • Requisitenbau: Werner Dannenberg, Henning Seilkopf, Holger Ziolkoswski

E N T S T E H U N G | D E S | P R O J E K T S

Die Bühnenwerkstatt begann im März 2008. Seitdem wurde das Konzept der „Aufnahmetänze“/“record dances“ in praktischen Versuchen und Gesprächen weiterentwickelt. Das Bühnenstudio wurde dabei durch Tänzerinnen des Leipziger Tanztheaters e.V. unterstützt, aus dem ein kleines, festes Ensemble (Katja Barufke, Annegret Meier, Juliane Raschel, Julia Schröder) das Projekt bis zu einer ersten Präsentation („record dances: Work in Progress“) im Rahmen des 11. Farbfestes im Bauhaus am 6. September 2008 begleitete.

Ab September begannen Tänzerinnen, Tänzer und Musiker aus Australien, Deutschland, Japan, Mexiko und Venezuela mit den intensiven Proben für „record dances: Maßnahme 01“. Zuvor ermöglichte am 25. September 2008 eine für das Publikum offene Probe („record dances: Massnahme 00“) einen ersten Einblick in die Idee des Projektes, mit dem das Bühnenstudio sich auch für die Zukunft als Erforscher des Spannungsfeldes von Raum und Körper, Struktur und Bewegung, Architektur und Mensch positionierte.