Bauhaussiedlung Dessau–Törten von Walter Gropius (1926–28)

Der Mangel an preiswertem Wohnraum, der durch die Stagnation der Bautätigkeit während des Ersten Weltkriegs noch forciert wurde, führte seit Beginn der Weimarer Republik zu verstärkten öffentlichen Anstrengungen im bis dahin weitgehend privaten Wohnungsbau. Unter der Prämisse Licht, Luft und Sonne sollten Wohnungen entstehen, die für eine große Bevölkerungsschicht erschwinglich waren.

Die von 1926 bis 1928 im Auftrag der Stadt Dessau gebaute Siedlung Törten entstand im Rahmen des Reichsheimstättengesetzes, d. h., die Häuser waren von Anfang an im Besitz der Bewohner. Mit der „halbländlichen“ Siedlung wollte das Bauhaus Probleme des preisgünstigen Massenwohnungsbaus praktisch lösen.

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Gropius entwarf eine Reihenhaussiedlung mit Nutzgärten von jeweils 350 bis 400 qm für den Gemüseanbau und die Kleintierhaltung zur Selbstversorgung. In insgesamt drei Bauabschnitten entstanden 314 Reihenhäuser, die je nach Haustyp zwischen 57 und 75 qm Wohnfläche aufweisen. Die Haustypen wurden in verschiedenen Varianten gebaut, um in einem ab 1927 angelegten umfangreichen Versuchsprogramm der Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen Aufschlüsse über eine rationelle Herstellung von Wohnbauten, aber auch über die Eignung neuer Baustoffe und Industrieprodukte zu erhalten. Die Baustelle war, einer Taktstraße ähnlich, so organisiert, dass von spezialisierten Arbeitsbrigaden immer mehrere Häuser eines Bauabschnitts zugleich gebaut werden konnten. Die vor Ort vorgefertigten Bauteile wie z. B. sogenannte Rapidbalken aus Beton wurden mit einer kleinen Bahn transportiert und von Kränen bewegt.

Die hellen Kuben sind spiegelbildlich zu Doppelhäusern und zu Gruppen von vier bis zwölf Einheiten zusammengefasst. Die Fassaden wurden durch vertikale und horizontale Fensterbänder gegliedert; das Innere war in hellen Farben gehalten. Für die Inneneinrichtung boten die Bauhauswerkstätten spezielle Möbel an, die jedoch keine Käufer fanden. Die Konstruktion der Häuser ergab sich aus der Notwendigkeit kostensparenden Bauens: Die tragenden Wände sind aus vorgefertigten, preiswerten Schlackenbetonhohlkörpern errichtet, die Decken wurden aus armierten Stahlbetonträgern hergestellt.

Kurz nach Fertigstellung zeigten sich Bau- und Planungsmängel, sodass die Eigentümer und Bewohner schon bald zahlreiche Umbauten vornahmen. Die ersten Veränderungen vor allem der zu hoch gelegenen Fensterbänder begannen zunächst nach einem einheitlichen Plan im Jahr 1934. Von der ursprünglichen Einheitlichkeit der Siedlung ist heute deshalb nur noch wenig zu spüren. Das Haus am Mittelring 38 wurde ab 1992 als erstes originalgetreu wiederhergestellt. Es wird heute von der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft genutzt und ist ebenso zu besichtigen wie das Haus Kleinring 5. Seit 1994 existiert eine Erhaltungs- und Gestaltungssatzung zum Schutz des Orts- und Straßenbilds in der Siedlung, mit der die baulichen Maßnahmen mit der historischen Substanz in Einklang gebracht werden sollen.

Informationen zum Besuch der Bauhaus-Siedlung Dessau-Törten finden Sie hier.

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Historische Aufnahmen

Siedlung Dessau-Törten besuchen

Walter Gropius' Konsumgebäude (1928) dient heute als Einstieg in die Siedlungsgeschichte. Eine Dauerausstellung informiert hier über Idee und Vision, Baugeschichte und Bewohner. Gefördert vom Kreis der Freunde des Bauhaus e.V.

  • Konsumgebäude geöffnet
    Di – So 11:00-15.30 Uhr

    Dezember und Januar geschlossen
    Tel. 0340-8581-420
     
  • Tickets
    Konsum-Törten-Ticket: 3 €
    Eintritt in das Konsumgebäude inkl. der dort gezeigten Ausstellungen
    Tagesticket möglich
  • Architekturführung „Siedlung Dessau-Törten“
    Der Rundgang führt an verschiedenen Haustypen vorbei und begeht eine Musterwohnung in den Laubenganghäusern sowie das Stahlhaus. Besonderer Höhepunkt ist das einzige im Originalzustand erhaltene Gebäude der Siedlung, Haus Anton. Die Führung dauert etwa eine Stunde.

    Di - So, um 15:30 Uhr
    (außer Dezember/Januar)

    Beginn am Konsumgebäude, Am Dreieck 1, 06849 Dessau-Roßlau
  • Adressen
    Konsumgebäude: Am Dreieck 1
    Stahlhaus: Südstraße 5
    Haus Fieger: Südstraße 6
    Laubenganghäuser: Peterholzstraße 40, 48, 56, Mittelbreite 6, 14
    06849 Dessau-Roßlau

    weitere Siedlungshäuser:
    Doppelreihe (1. Bauabschnitt 1926)
    Damaschkestraße (2. Bauabschnitt 1927):
    Nordweg, Kleinring, Mittelring, In der Flanke,
    Am Dreieck (3. Bauabschnitt 1928), 06849 Dessau-Roßlau
  • Moses-Mendelssohn-Gesellschaft e.V.
    Mittelring 38, 06849 Dessau-Roßlau
    Öffnungszeiten: Mo – So: 10-16 Uhr
    www.mendelssohn-dessau.de 


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