Bauhaus Dessau

Haus Gropius || Fiktional:
Alexis Lowry, Hannes Bajohr
und Rita Evans

Ausstellung der Bauhaus Residenz

Alexis Lowry (Kuratorin, Dia Art Foundation) mit dem Werk von Charlotte Posenenske
sowie Hannes Bajohr
30. Sep 2021 – 10. Apr 2022

Rita Evans
25. Nov 2021 – 26. Juni 2022

Haus Gropius
täglich 10 – 17 Uhr

Die Residenzler*innen Alexis Lowry, Hannes Bajohr und Rita Evans haben sich während ihres Dessauer Aufenthalts, in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv mit dem UNESCO-Welterbe der Meisterhäuser auseinandergesetzt. Für das Jahresthema "Infrastruktur" wählte Kuratorin Alexis Lowry modulare, skulpturale und industriell gefertigte Objekte der Künstlerin Charlotte Posenenske zum Mittelpunkt ihrer Arbeit, welche sich der Vorstellung von Beherrschung zugunsten des Partizipativen widersetzen.

Der Schriftsteller, Philosoph und Literaturwissenschaftler Hannes Bajohr zog Archivtexte heran, um sich der unsichtbaren Infrastruktur der Meisterhäuser zu nähern. Aus Verwaltungsdokumenten und Korrespondenzen zwischen Mieter*innen und Magistrat wählte er Passagen aus, arrangierte sie und stellte sie an die Orte, auf die sie sich beziehen.

Künstlerin Rita Evans arbeitet seit September im Haus Muche, experimentiert mit Materialien und Formen und erforscht welchen Klang sie erzeugen, wenn sie von einer Gruppe oder einem Publikum aus der Öffentlichkeit gespielt und bewegt werden. Sie wird in Kontakt mit den Dessauern treten, um neue Spielweisen für ihre Skulpturen zu entdecken.

Kunstwerke und künstlerische Arbeitsprozesse schaffen spezifische neue Zugänge zur Welt und sind in diesem Sinne fiktional: Der Begriff wird vom lateinischen Verb „fingere“ hergeleitet und bedeutet nichts anderes als „gestalten, formen, sich ­ausdenken“. Fiktion hat also nicht zuvorderst die Schaffung einer eigenen Welt zur Folge, sondern kann ebenso gut die Gestaltung der vorhandenen Welt, des Realen, bedeuten. Fiktion ist so auch eine Weise, Distanz zu gewinnen, um Realitäten zu befragen, neu zu sehen.  

In ihrer Arbeit erforschen Künstler*innen auch, wie sich Bedeutung und Wert in einer spezifischen Gegenwart konstituieren. Was wird warum und wie erzählt? Und welche Unterschiede, Reibungspunkte und Überlagerungen entstehen, wenn sich Fiktionen zwar dem gleichen Thema widmen, aber von ver­schiedenen Künstler*innen mit anderen Mitteln realisiert ­werden?


Die Künstler*innen

Alexis Lowry, Kuratorin der Dia Art Foundation, wurde als langjährige Kennerin des Werkes von Charlotte Posenenske (1930-1985) eingeladen, das Werk Posenenskes im Rahmen des Bauhaus Residenzprogramms und für den Ausstellungsraum und Garten des Hauses Gropius neu zu aktivieren. Der aktive Umgang mit den seriell gefertigten Stücken durch Kuratoren*innen, Sammler*innen und Besucher*innen ist von der Künstlerin vorgesehen worden, um künstlerische Subjektivität ausschließen zu können. Ihre späten Serien aus Pappe und Blech erinnern nicht nur in ihrer Form an Lüftungsschächte, sie gewinnen auch durch die Vermeidung künstlerischer Subjektivität einen infrastrukturellen Charakter. In größeren zeitlichen Abständen werden Besucher als Teil des Ausstellungsprogramms dazu eingeladen sein, die Stücke von Charlotte Posenenske im Raum neu anzuordnen.


Hannes Bajohr arbeitet als Schriftsteller mit der Beweglichkeit von Text. Mit digitalen und konzeptuellen Mitteln bearbeitet und rearrangiert er seine Ausgangsmaterialien, die von literarischen Quellen über Archivdokumente bis zu Social-Media-Posts reichen. Indem er Text als Material behandelt, reflektiert er auch die Wirklichkeit einer digitalen Welt, in der Schrift nicht nur ein Inhalt ist, sondern auch der Code, der ihn verarbeitet. In einigen seiner Arbeiten greift er bewusst auf moderne, auch am historischen Bauhaus weiterentwickelte Traditionslinien der Collage zurück, die heute im Kontext digitaler Cut&Paste-Methoden gelesen werden können.

Bajohr hat in seiner Residenz in Dessau historische Dokumente rund um die Meisterhäuser – wie Inventarlisten, Kostenaufstellungen, Mietverträge und rechtliche Korrespondenzen – recherchiert, ihn interessiert die archivalische Ebene der Infrastruktur. Er hat dieses gesammelte Textmaterial durch Approbation und bestimmte textliche Verfahren (etwa die Neustrukturierung des Textmaterials nach Konjunktionen) in Plakate mit seriellem Charakter verwandelt, die im Außenraum der Meisterhäuser angeschlagen werden und dort auf die normalerweise nicht sichtbaren historischen Hintergründe der Häuser hinweisen.


Rita Evans lebt und arbeitet in Großbritannien. Für die Künstlerin mit britisch-kanadischen Wurzeln ist der Raum eine Bühne, für die sie Objekte aus Keramik, Textilien, Wasser, Holz und Metall entwickelt, die sich am Schnittpunkt von Skulptur, Display und Instrument bewegen. Die musikalische Performance lebt von der Kommunikation zwischen Publikum und Mitwirkenden, die gemeinsam das gleiche Instrument spielen.

Ihre Arbeiten wurden international in Europa, dem Vereinigten Königreich und Kanada ausgestellt, und kürzlich in Institutionen wie der Tate und Towner in deren internationaler Biennale. Evans hat ihre Arbeiten im Banff Centre for the Arts in Kanada, beim Archway Sound Symposium und in der Tate Britain in London aufgeführt.

In Kooperation mit dem  Literaturhaus Berlin und der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig.