Bauhaus Dessau

Call for Papers:
Zwischen ästhetischer und politischer Avantgarde am Ende der Weimarer Republik: Die Zeitschrift der kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra) am Bauhaus Dessau und Berlin 1930–1932

Call for papers

Die 1918 gegründete Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) hatte zunächst ein gespaltenes Verhältnis zu Parlamentarismus und Demokratie. Seit 1919 war die KPD Mitglied der von Lenin und später von Stalin dominierten Kommunistischen Internationale. Mit sowjetrussischem Einfluss wurde aus ihr ab 1928 eine stalinistische Partei, die u. a. mit der Sozialfaschismusthese die SPD bekämpfte. Dieser politische Wandel betraf auch die damit verbundene Frage, in welchem Verhältnis eine sich als politische Avantgarde verstehende Partei zur ästhetischen Avantgarde stehen sollte. Zu den Bemühungen, auch an den Hochschulen an Einfluss zu gewinnen, gehörte die reichsweite Gründung der Kostufra 1922 in Leipzig. Ab 1927 gab es auch eine Kostufra-Zelle am Bauhaus.

Unter dem Titel „bauhaus. organ der kostufra. sprachrohr der studierenden“ erschienen von 1930 bis 1932 insgesamt 15 Ausgaben dieser hektografierten Blätter, in denen aus Sicht der KPD in bis zu Polemik gehender Kritik Stellung zu Ereignissen und Entwicklungen am Bauhaus und in Politik und Gesellschaft bezogen wurde.

Ende 2020 begann die Stiftung Bauhaus Dessau in einem zweijährigen Projekt, alle erhaltenen und bekannten Zeitschriften der in der kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra) organisierten Studierenden am Bauhaus in Dessau und Berlin historisch-kritisch zu edieren.

In einer für den 10. und 11. Februar 2022 geplanten Konferenz an der Stiftung Bauhaus Dessau, die sich in fünf Panels mit der linken Kulturpolitik der Weimarer Republik, dem internen Konflikt der KPD, den Auseinandersetzungen um ästhetische und politische Avantgarden der Zeit sowie der Rezeption dieser Debatten im Nachkriegsdeutschland (BRD und DDR) befasst, sollen die oben genannte Zeitschrift und ihre Hintergründe, Ereignisse und Wirkungsfelder kontextualisiert werden. Einsendungen für mögliche Beiträge sollten sich einem der in den fünf Panels formulierten Aspekte widmen. Eine anschließende Publikation der Beiträge in einem Tagungsband wird angestrebt.

Panel 1:
Der politische und kulturelle Richtungskampf in der KPD,
die Kostufra an deutschen Hochschulen und das Bauhaus

Von Anbeginn ihrer Gründung war die KPD von Richtungskämpfen gezeichnet. Dazu gehörte die Frage ihres Kulturkonzepts, die immer verbunden war mit der Positionierung zur ästhetischen Avantgarde.

Welchen Wandel gab es in den Debatten um Kunst und Kultur innerhalb der KPD, welche Konzepte wurden entwickelt, welche abgelehnt? Welche Rolle spielten dabei die Kostufras? Welche wurden von Studierenden (und auch Lehrenden) rezipiert? Was war der Standpunkt der KPD insbesondere in der Zeit 1930-32 zum Bauhaus, wie und mit welchen Zielen versuchte die Partei Einfluss zu nehmen?

Panel 2:
Architekturdebatten und -projekte linker Studierender
und die Kostufra 1930–32

Der Architekturunterricht unter Ludwig Mies van der Rohe (Ludwig Hilberseimer lehrte Stadtplanung) konzentrierte sich auf wenige Studierende, die Entwürfe entsprachen seinem Konzept eines „frei fließenden“ Raums. Dem linken Spektrum zuzurechnende Studierende entwickelten zumeist in Kollektiven radikalere Projekte mit einem sozialistischen Hintergrund. Wie kam es zu diesen Projekten, welche Rolle spielten sowjetische Theorien und Bauten? Wie kommentierte die Kostufra (und damit die Dessauer KPD) diese Projekte? Welche Debatten um Architektur und Gesellschaft wurden in der KPD geführt?

Panel 3:
Die Kunstdebatte in der Kostufra

Die Rolle der bildenden Kunst am Bauhaus war stets besonders und umstritten. Zwar war Gropius die Mitwirkung der „Problematiker unter den Malern“ unentbehrlich, doch Ausbildungsziel war die Gestaltung der Dinge und Räume des Alltags. Als es ab 1927 freie Malklassen gab, verschärfte sich unter Hannes Meyers Direktorat dieser Gegensatz. Ernst Kallai versuchte 1929 zu vermitteln und wünschte sich das Bauhaus als „Versuchsstätte im geistig-kulturellen Sinne“. Mit der Kostufra kamen neue Konflikte hinzu, als sie unter dem Motto „Kunst ist Waffe“ u. a. gegen abstrakte Kunst argumentierte. Welche Kunst (neben bildender Kunst auch Fotografie und Bühnenkunst) wurde aus welchen Gründen abgelehnt? Für welche Kunst trat die Kostufra ein? Welche Hintergründe hatten die dazu in der Zeitung geführten Debatten?

Panel 4:
Die Kritik der Lehre am Bauhaus in der Zeitschrift der Kostufra

In der Zeitschrift wurde heftige Kritik an Lehrinhalten und auch an Lehrenden geübt. Das betraf nicht nur einige Bauhausmeister, sondern auch Gastlehrer, die von den Direktoren ins Bauhaus eingeladen wurden. Wie Walter Gropius verfolgte Ludwig Mies van der Rohe das Ziel, das Bauhaus in parteipolitischer Neutralität zu halten. Sein Vorgänger Hannes Meyer sah sich als Marxist. Wie reagierte die Kostufra auf den „neuen Kurs“ des Bauhausdirektors Ludwig Mies van der Rohe ab September 1930? Was wurde aus welchen Gründen abgelehnt? Was für Lehrinhalte und -methoden strebte die Kostufra für das Bauhaus an? Welche der KPD angehörenden Lehrkräfte und Sympathisanten wirkten am Bauhaus?

Panel 5:
Die zur Kostufra und ihrem Umkreis gehörenden Studierenden.
Die Rezeption der Kostufra in der Bauhausforschung

Viele der Studierenden waren politisch aktiv, die Mitglieder der KPD bezogen radikal Stellung zu Arbeit, Struktur und Zielen ihrer Schule. Die Kostufra wuchs in ihrem Kern auf ungefähr 15 Mitglieder an. Zu ihrem mit ihr sympathisierenden und unterstützenden Umfeld können ca. 50 Studierende gezählt werden, so dass um 1930 zeitweilig ein Viertel aller Studierenden in ihre Aktivitäten involviert war. Wer waren diese Studierenden, was machte sie politisch aktiv? Aus welchen Milieus kamen sie, was wurde nach ihrer Bauhauszeit aus ihnen? Wie unterschiedlich wurde das Wirken der Kostufra in der Bauhausforschung bis in die jüngste Vergangenheit rezipiert, insbesondere in den Zeiten des Kalten Krieges?


Ihre Beitragsvorschläge

Die Organisatoren der Konferenz Zwischen ästhetischer und politischer Avantgarde am Ende der Weimarer Republik: Die Zeitschrift der kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra) am Bauhaus Dessau und Berlin 1930–1932 freuen sich über Beitragsvorschläge zu diesen Themenfeldern.

Bitte senden Sie Ihren Vorschlag (max. 300 Wörter) sowie biografische Angaben zu Ihrer Person und Forschungsinteressen bis zum 31. Mai 2021 an: kostufra@bauhaus-dessau.de.

In einem zweijährigen Forschungsprojekt (2020–2022), gefördert vom Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt, entsteht eine historisch-kritische Edition der erhaltenen Ausgaben der Zeitschrift „bauhaus. organ der kostufra. sprachrohr der studierenden“.

Herausgeber der Edition ist Wolfgang Thöner, Leiter der Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau (thoener@bauhaus-dessau.de). Leiter des Forschungsprojekts ist Dr. Florian Strob, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Direktorat der Stiftung Bauhaus Dessau.

Die Stiftung Bauhaus Dessau ist eine gemeinnützige Stiftung des öffentlichen Rechts. Sie wird gefördert durch das Land Sachsen-Anhalt, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Stadt Dessau-Roßlau.

Die Konferenz Zwischen ästhetischer und politischer Avantgarde am Ende der Weimarer Republik: Die Zeitschrift der kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra) am Bauhaus Dessau und Berlin 1930–1932 wird gefördert von dem Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt.