Mara Genschel

15. März – 30. April 2021
Haus Muche
// Residenz auf Einladung //

Mara Genschel ist Schriftstellerin und Performerin. Sie studierte an der Hochschule für Musik in Detmold und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2008 erschien ihr erster Gedichtband, seitdem arbeitet sie bevorzugt an unabhängigen Publikationskonzepten und Auftrittsformen. Internationale Einladungen führten sie unter anderem nach Hongkong, Bukarest, Iowa und Johannesburg. Zuletzt erschienen ihre Bücher Cute Gedanken (2017) und Gablenberger Tagblatt (2018). Zudem experimentiert sie mit Audioformaten, vor allem im Bereich Neue Musik. Zuletzt: „Salon Dilletantisme“ (SWR 2020) und die Videoarbeit „Das narzisstische Publikum“ (2021). Sie lebt und arbeitet in Berlin.

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Mara Genschel, Bauhaus Residenz 2021, Haus Muche, 20.4.2021 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Yvonne Tenschert
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Mara Genschel, Bauhaus Residenz 2021, Haus Muche, 20.4.2021 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Yvonne Tenschert
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Mara Genschel, Bauhaus Residenz 2021, Haus Muche, 20.4.2021 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Yvonne Tenschert
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Mara Genschel, Bauhaus Residenz 2021, Haus Muche, 20.4.2021 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Yvonne Tenschert

Mara Genschel zu den Inspirationsquellen ihrer Arbeit:

„Ich suche selten Inspiration. Mich interessieren Probleme und in dieser Hinsicht auch ‚Aufträge‘. Die meisten Aufträge vergebe ich an mich selbst. Im Fall der Bauhaus Residenz (so wie ich sie verstehe) eine Mischform: die Rahmenbedingungen sind klar, den Arbeitsauftrag kann und muss ich aber selbst erfinden.

Dieses Prinzip spiegeln die Meisterhäuser ziemlich genau wieder, finde ich: die Arbeitsbedingungen müssen damals absolut verlockend gewesen sein, ein Köder selbst für Paul Klee! Gleichzeitig garantieren sie natürlich gar nichts und das strahlen sie auch aus, fast ein bisschen arrogant: ‚Wer hier nichts hinkriegt, sorry, hat es auch woanders nie getan.‘ […]“

Mara Genschel zu ihrem Aufenthalt in den Meisterhäusern:

„Heute, in den Residenzen dominiert ganz klar das Museale. Stärker als über die Avantgarde der 20er Jahre habe ich in den ersten Tagen über die Entscheidungen der Stiftung nachgedacht, wie sie die Residenzen eingerichtet hat, was ihre Überlegungen gewesen sein mögen. Weil man diesen Vorgaben natürlich ausgeliefert ist, mehr noch, man wird darin gesehen, man setzt sich zu ihnen ins Verhältnis, man scheitert. (Was übrigens ein produktiver Nebeneffekt an Residenzen schlechthin ist.)

Die Möbel sind elegant angeordnet, die meisten an den Fenstern. Wenn man als Besucherin den Raum betritt (oder von außen durch das Fenster hineinsieht), sieht das unmittelbar schlüssig aus, wie eine lässige Skizze. Wenn man nun aber die Möbel selbst nutzt, ist die Perspektive: nackte Wand. Oder: Achtung, Besuchergesicht von außen. Man bricht, als den Raum nutzender Körper, das Konzept. Angeregte Gespräche werden durch die Akustik verunmöglicht, was aufgrund der coronabedingten Stille kaum auffällt. Es bräuchte allein unter akustischen Gesichtspunkten Teppiche, Bücher, Vorhänge, Sofas, um sich dort überhaupt unterhalten zu können. Ich sehe aber auch die Challenge – Georg Muche, der hier kurz, aber maximal cool gewohnt haben muss, hatte auch weder Teppich noch ‚Sofa‘ im Wohnzimmer stehen, es war alles fast so nackt wie heute.

Ich habe Notizen gemacht wie:

(17.3.)
‚Ich muss zum ersten Kaffee unbedingt auch mal das Wohnzimmer.. tja, was eigentlich:
‚nutzen‘?
‚bespielen‘?
‚versorgen‘/‚berücksichtigen‘?

Oder:
‚auslegen‘?!
‚inszenieren‘?!

Ziemlich schnell sind diese Verzagtheiten allerdings einem robusteren Pragmatismus gewichen, inzwischen würde ich wieder sagen, dass ich die Räume ‚nutze‘ und als Schriftstellerin würde ich sagen geht das perfekt, ich bin hier produktiv. Die vielen Fenster geben ja auch etwas zurück (die Kiefern, sehr viele Vögel, ein Kind das täglich winkt) – die aufregende Verschränkung der Transparenz eines öffentlichen Gebäudes mit privilegierter Ungestörtheit.

Ich habe aber eine neue Beobachtung gemacht, nämlich dass sich meine Person in verschiedene Rollen dieser Nutzung aufspaltet. ‚Frau Genschel, würden Sie mir dann bitte den Tee bringen.‘ ‚Kein Problem, ich stelle ihn gleich ins Atelier, erst muss ich aber noch Ihr Kissen aufschütteln.‘ ‚Sie sind ein Schatz.‘

Der Drang, dem Haus ‚gerecht‘ werden zu wollen, verschmilzt mit dem eh schon leichten Hang zu Zwangshandlung und Perfektion. Was natürlich die exakte Umkehrung ist, des Gropiusschen ‚Nicht wir sind um der Möbel willen da, wie es vielfach heute den Anschein hat, sondern umgekehrt‘.

Geht es also doch um so etwas wie gehobene Arbeitssimulation? Mir käme das zupass, weil ich ohnehin nicht an die unbefleckte Arbeit glaube.

In meinen Texten und Stücken gibt es immer Anteile, die den Arbeitsprozess mitreflektieren, aber in diesem Fall wird dieser Anteil klein ausfallen. Die Situation ist ohnehin schon derart spekulativ: ich habe quasi aufgehört, Nachrichten zu lesen, ich bewege mich in einer glasgerahmten Skizze an einer weißen Wand und hinter mir hüpfen die Rehe: wen interessieren da meine ‚Arbeitsbedingungen‘? Ich werde mich aber zu der Skizzenhaftigkeit der ‚Meisterhaussimulationen‘ verhalten, besonders zu der offensichtlichsten: dem Haus von Gropius selbst. Es gibt kaputte Narrative. Eventuell hat auch die Polizei in Dessau einen Auftritt.“

Bauhaus Residenz 2021 | Sofia Dona + Mara Genschel