Haus Gropius || Fiktional.
Inge Mahn und Sujata Bhatt

28. Juni –  20. September 2020
Haus Gropius

In ihrer Arbeit für das Haus Gropius in Dessau geht die Bildhauerin Inge Mahn von einer Beobachtung aus, die sie während ihres Aufenthalts in den historischen Meisterhäusern gemacht hat: „Die vielen Türen im Haus (30 insgesamt!) irritieren etwas, weil sie sich zum Teil widersprechen. Natürlich ist es gut gedacht, wenn jeder Raum mit dem Nachbarraum verbunden ist und alle Räume vom Flur aus erreichbar sind, aber die Vorstellung, dass sich mehrere Türen durch mehrere Menschen gleichzeitig öffnen, ist komisch, weil sie kollidieren könnten“, beschreibt Mahn ihre Erfahrung. Die Bildhauerin nimmt damit auch das Jahresthema der Stiftung Bauhaus Dessau in den Blick: „Habitat“ meint das Wohnen als kulturelle Praxis und nicht funktionale Planung, die häufig mit dem Bauhaus gleichgesetzt wird.

Die vielen Türen, die es auch in dem 1945 zerstörten originalen Haus Gropius einmal gegeben hatte, wurden bei der städtebaulichen Rekonstruktion des Meisterhausensembles 2014 nicht neu realisiert: Zu Gunsten eines Ausstellungsgebäudes verzichtete man bewusst auf die Wiederherstellung des ursprünglichen Grundrisses. In ihrer Installation im Haus Gropius wirft Inge Mahn die nicht mehr vorhandenen Türen sozusagen noch einmal aus dem Haus und macht sie gleichzeitig wieder sichtbar – wenn auch verfremdet und abstrahiert in Gips.

Die Arbeit kann sowohl als ein Kommentar zu sich wandelnden Vorstellungen vom Wohnen als auch zur Architektur des heutigen Hauses Gropius verstanden werden. Die Türen aus Gips entstanden im Haus Gropius. Um den Betonboden zu schützen, wurden MDF-Platten ausgelegt. An den Wänden des Ausstellungsraums zeigen diese Platten Spuren des Arbeitsprozesses und brechen die Starre der Architektur auf.

Wie in vielen ihrer Arbeiten geht Inge Mahn damit spezifisch auf den vorhandenen Raum ein, arbeitet aus ihm heraus, mit ihm, gegen ihn. So bleibt  das Arbeiten und der Prozess sichtbar. Er wird Teil der Ausstellung. Zu dieser Herangehensweise gehört, dass die weißen Gipstüren im Außenraum, ohne die schützende Funktion des Hauses, durch Wettereinflüsse sichtbare Spuren tragen werden.

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Aufbau der Ausstellung "Haus Gropius || Fiktional. Inge Mahn und Sujata Bhatt", Haus Gropius, 22.6.2020 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Vincent Dombrowsky
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Aufbau der Ausstellung "Haus Gropius || Fiktional. Inge Mahn und Sujata Bhatt", Haus Gropius, 22.6.2020 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Vincent Dombrowsky
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Ausstellung "Haus Gropius || Fiktional. Inge Mahn und Sujata Bhatt", 26.6.2020 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Yvonne Tenschert
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Aufbau der Ausstellung "Haus Gropius || Fiktional. Inge Mahn und Sujata Bhatt", Haus Gropius, 22.6.2020 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Vincent Dombrowsky
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Ausstellung "Haus Gropius || Fiktional. Inge Mahn und Sujata Bhatt", 26.6.2020 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Yvonne Tenschert
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Ausstellung "Haus Gropius || Fiktional. Inge Mahn und Sujata Bhatt", 26.6.2020 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Yvonne Tenschert
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Ausstellung "Haus Gropius || Fiktional. Inge Mahn und Sujata Bhatt", 26.6.2020 / Stiftung Bauhaus Dessau, Foto: Caroline Jansky

Schon häufig und über viele Jahre hinweg hat sich die Lyrikerin Sujata Bhatt mit einer berühmten Künstler*innen-Kolonie der Kulturgeschichte befasst: Worpswede bei Bremen. Ihre Texte zu Rainer Maria Rilke, Clara Westhoff-Rilke und Paula Modersohn-Becker, die Worpswede zusammen mit vielen anderen Künstlern zu einem herausragenden Ort der Kunst und Literatur Anfang des 20. Jahrhunderts machten, geben vor allem den lange nicht gehörten Künstlerinnen eine literarische Stimme.

Mit den Meisterhäusern in Dessau widmete sich Sujata Bhatt nun der vielleicht berühmtesten Künstlerkolonie der 1920er Jahre. In den neu entstandenen Gedichten setzt sich die Lyrikerin besonders mit dem Verhältnis von Tier, Mensch und Architektur auseinander. Einen möglichen Zugang zu diesem Verhältnis fand sie in der Kunst: In einem Gemälde, das Paul Klee in seinem Dessauer Meisterhaus schuf.

Die Besucher*innen sind eingeladen, drei neue Gedichte Sujata Bhatts auf ihrem Gang durch die Meisterhäuser mitzunehmen und sie mit ihnen selbst zu erkunden. Im Haus Gropius gibt die Lyrikerin zudem mit handgeschriebenen Versionen der Texte erstmals Einblick in ihren Arbeitsprozess.

Im Garten des Hauses Gropius gibt Sujata Bhatt zeigt sie Ergebnisse ihrer intensiven Recherchen, die neben dem sinnlichen Erleben vor Ort ihren Arbeitsprozess prägen. Die von ihr ausgewählten Passagen aus Paul Klees Tagebüchern werden so zu einer Art dritten Stimme in der Ausstellung, die auf das Wohnhaus des Bauhausmeisters am anderen Ende des Ensembles verweist. Die Farbigkeit des Hauses Klee war eine der wesentlichen Inspirationsquellen Bhatts.

Obwohl Sujata Bhatt aufgrund der Corona-Pandemie ihren Aufenthalt im Haus Muche schon nach kurzer Zeit abbrechen musste, setzte sie ihre Arbeit in Bremen fort. Die Fragen an der Gartenmauer des Hauses Gropius geben davon einen Eindruck und regen an, selbst Fragen an die Häuser zu stellen.