Die Architektur am Bauhaus
Trotz fehlender Architekturabteilung waren es die im Büro Gropius entworfenen und ab 1925 realisierten Bauten – allen voran das Bauhausgebäude und die Häuser für die Bauhausmeister –, die gleich von Beginn an das Bild der Dessauer Jahre prägten. Walter Gropius bot 1927 Hannes Meyer an, die Architekturausbildung zu übernehmen. Dieser begann im selben Jahr mit seiner Lehre, die alle dazugehörigen Fächer – Projektierung, Entwurf, Bauzeichnen, Konstruktion, Stadtplanung – vereinte. Für Gropius wie für Meyer bedeutete Architektur wesentlich die „Gestaltung von Lebensvorgängen“. Hannes Meyer ging über die für ihn zu sehr auf den Gegenstand fixierte „Wesensforschung“ von Gropius hinaus, indem er in seiner Lehre die konkreten gesellschaftlichen Voraussetzungen und Bedingtheiten von Architektur und ihrer Nutzung zum Ausgangspunkt allen Planens und Gestaltens machte. Mit wissenschaftlicher Akribie untersuchte man die Lebensgewohnheiten der zukünftigen Bewohner einer Siedlung bzw. eines Hauses. Beim Entwurf und der Realisierung von Bauten wie z.B. den Laubenganghäusern in Dessau oder der Bundesschule für den ADGB in Bernau bei Berlin arbeiteten Studierende verschiedener Studienjahre in „vertikalen Brigaden“ zusammen. In der Architekturabteilung unterrichteten Carl Fieger, der Ingenieur Friedrich Köhn, Hans Wittwer, Ludwig Hilberseimer, Anton Brenner, Alcar Rudelt und Mart Stam.
Ludwig Mies van der Rohe führte von 1930 bis 1933 vieles unter seinen Vorgängern Begonnene weiter. Für eine gewisse Kontinuität sorgte nach dem Leitungswechsel die Tatsache, dass Lehrer wie Ludwig Hilberseimer ihre Arbeit fortsetzten. Mies van der Rohe straffte jedoch den Unterricht zu einem kursähnlichen System, das kaum noch Spielraum für utopische Experimente bot. Nach Dessau kamen nun vorwiegend Studierende mit Vorbildung. Das Bauhaus wurde eine „Hochschule für das Zweitstudium“ (Wolsdorff, Bauhaus Archiv Berlin). Mies van der Rohes Unterricht stellte den Entwurf von Einzelhäusern in den Vordergrund, deren Gestalt nicht von Gropius’scher „Wesensforschung“ und kollektivistischer Befriedigung von „Volksbedarf“ (Hannes Meyer) geprägt wurde, sondern in ästhetisch vollendeter Weise der „räumliche Vollzug geistiger Entscheidungen“ (Mies van der Rohe) sein sollte.


